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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 670

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Das Lebensrecht des Kindes
Date
1926-02-01
Page
670 (sequence 6)
Language
German
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I. Heinemana: Das Lebensreclil des Kindes Dagegen geht die jüdische Ethik von dem religiösen Gesichtspunkt aus, daß jeder Mensch von Gott in seinem Ebenbilde geschaffen worden ist Und nicht nur der Psalmist ahnt „die Kraft, die Gott auf den Mund der Säuglinge gegründet" : die Religion als Lebensmacht ließ den Glauben an die Heiligkeit jedes Menschenlebens in jedem Herzen Wurzel schlagen. Der Versuch, die Erhaltung eines Kindeslebens durch Nützlichkeitsgründe zu verteidigen, mutet, von hier aus gesehen, nicht viel weniger bedenklich an als die naive Roheit,, gegen die er sich wendet Wie aber die jüdische Ethik einen Philon befähigte, aus den besten Tendenzen der griechischen Philosophie die vollen Konsequenzen zu ziehen, so können manche Erwägungen der griechischen Ethiker auch uns in der Durchführung alt jüdischer Ideale bestärken. Auch unsere Zeit hat ja ihre Unsitten. Musonios (S. 80 Hense) redet von Eltern, die ihre jüngeren Kinder aussetzten, um den älteren ein größeres Erbe zu hinterlassen. Er findet das unrecht: „die Leute wissen nicht, wieviel besser es (für diese älteren Kinder) ist, mehr Geschwister als mehr Geld zu haben. Denn Geld schafft Feinde; Geschwister aber halten die Feinde zurück. Und nichts ist wertvoller für unsere Sicherheit als Geschwisterliebe." Rede und Gegenrede klingen, nach ihren Motiven betrachtet, erstaunlich modern. Eltern, die ehrlich glauben, im Interesse ihrer älteren Kinder zu handeln, wenn sie ihnen keine jüngeren Geschwister geben, finden sich noch heute. Insbesondere der falschen Zärtlichkeit mancher jüdischer Eltern mag die Versuchung zu solcher Denkweise naheliegen. Mögen sie Musonios' Frage beherzigen: „Wer nimmt wohlwollenderen Anteil an unserem Glück und wessen Beistand möchten wir uns im Unglück eher wünschen als den eines Bruders?" Gerade die Nüchternheit dieser Fragestellung könnte manchen Irrtum zerstreuen und manchen zurückführen zu der Wahrheit der talmudischen Ethik, nach der die Worte: „seid fruchtbar und mehret euch" ein Gebot enthalten und die Unterbindung des quellenden Lebensstromes ein nicht wesentlich leichteres Verbrechen ist als die Erstickung vorhandenen Lebens. 670

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