Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 656 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895458-2896558--00781-2896624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Selma Stern versagte, der -wissenschaftliche Antisemitismus, der an den Universitäten Wurzel schlug, der gesellschaftliche Antisemitismus, der in Wort und Schrift, in Versammlungen und auf der Bühne sich kundgab, erweckte langsam einen jüdischen Stolz. Das jüdische Selbstbewußtsein erwachte an der Abkehr der Deutschen. Man begann Vereine zu gründen, um das innere Geistesleben der Juden zu läutern, Zeitschriften zu schaffen, um die Humanität zu heben, die Zunz, die Moser, die Jost, die Philippson, die Geiger und viele andere versenkten sich in die jüdische Literatur und Philosophie, Geschichte und Religion. Männer wie Johann Jacoby und Gabriel Rießer suchten „mit dem flammenden Messiasglauben an den endlichen Sieg des Rechts und des Guten" die Gleichstellung der Juden mit den christlichen Bürgern zu erkämpfen. Im Vergleich zu diesen Streitgesängen sind die Worte der Jüdinnen nur schüchterne und leise Melodien. Aber sie begleiten doch den großen Kampf aufmunternd und trostspendend. In einer von Johanna Goldschmidt verfaßten anonymen Schrift „Rebekka und Amalia, Briefwechsel zwischen einer Israelitin mit einer Adligen über Zeit- und Lebensfragen" (18^7) Wagt Rebekka einer adligen Freundin über die Zurücksetzung ihrer Glaubensgenossen und ersehnt die Zeit, „der sie den bangen Klageton des Inneren in einem großen und freien Klang könne ausströmen lassen". Die zarte und feine Württembergerin Henriette Ottenheimer, eine Freundin Rückerts, Unlands, Rießers und Michael Beers, findet in ihrem Märchenspiel „Der Kettenschmied" bewegliche Worte des Leids über die Kette, die noch immer Israels Söhne drücke. Fanny Lewald, in deren Romanen immer wieder der gebildete, wohltätige, menschlich warme jüdische Kaufmann und der feingeistige jüdische Akademiker auftreten, protestiert in der ihr eigenen männlich scharfen Weise gegen die riesengroße Macht der Gesellschaft und des Staates, der Begabte zur Untätigkeit verdammt, Liebende auseinanderreißt, Kinder von Eltern trennt Eine große Rolle spielt das Problem der Mischehen in dieser deutschjüdischen Frauenliteratur. Aber zu tragischen Konflikten kommt es dabei immer nur infolge des Widerstandes der jüdischen oder christlichen Angehörigen gegen eine derartige Verbindung. Fanny Lewald läßt zwar in ihrem Roman „Jenny" den christlichen Theologen über die jüdischen Eigenschaften seiner Braut nachgrübeln, die ihn beunruhigt ob ihrer Lebhaftigkeit, ihrer wechselnden Stimmungen im Gegensatz zu der stillen Bescheidenheit und Gleichmäßigkeit chrisiücher Mädchen. Daß 656