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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 655

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1926-02-01
Page
655 (sequence 8)
Language
German
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Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter quälten Seele nach künstlerischer Entladung, sondern aus dem Drang der Tatkräftigen nach Selbständigkeit und Freiheit Und dieser Realismus, dieser Haß gegen alle Mystik und Romantik, gegen alle Träume und Leidenschaften ist der Grundzug der Helden und Heldinnen ihrer zahlreichen Romane. Selbst mehr wissenschaftlich eingestellt als künstlerisch, mehr belehrend als unterhaltend, mehr theoretisierend als gestaltend, sind die kräftigen, selbstsicheren, prinzipienhaften Menschen ihrer Phantasie immer Vertreter der Bürgerlichkeit, der Sittlichkeit, der Mittelmäßigkeit, Prediger des Humanismus, des Liberalismus, der Demokratie, Dogmatiker einer idealen Ehe- und Menschengemeinschaft, .Bekämpfer aller sozialen, religiösen, gesellschaftlichen und politischen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Ich möchte von diesem Frauengeschlecht nicht Abschied nehmen, ohne noch kurz seine Stellung zum Judentum zu streifen. Sie ist im wesentlichen eine andere geworden als im 18. Jahrhundert. Weder Dorothea, als sie so „ungeheuerlich katholisch" geworden war, noch Marianne Saaling und alle die andern hatten sich die Taufe je zum Vorwurf gemacht Fanny Lewald dagegen erzählt in ihrer Lebensgeschichte, wie qualvoll sie litt, als sie, das Glaubensbekenntnis niederschreibend, bemerkte, daß sie eigentlich nichts von alledem glaubte, weder die Unsterblichkeit, noch die Auferstehung des Fleisches, noch die Mysterien. Da sie nicht den Mut hatte, ihren Irrtum einzugestehen, schrieb sie das Glaubensbekenntnis zu Ende, das ihr aber — „ein trauriges Muster von schwungvollem Jesuitismus" — bis an ihr Lebensende etwas Unheimliches und Widerwärtiges blieb. Ähnliche Qualen steht eine Heldin Rahel Meyers während der Taufe aus, da sie kein inneres Verhältnis zum Christentum hatte finden können und nun vor dem Betrüge zurückschreckte, den sie um eines geliebten Mannes willen auf sich nehmen mußte. Der Grund lag nicht in einer Rückkehr zur jüdischen Religiosität Ganz im Gegenteil. Wie die Reformgememden den Gottesdienst jetzt germanisierten und christianisierten, so machte man das Judentum zu einem „religiösen Verein", in dem aber „die Religion als eine bloße Privatsache zu einer unbedeutenden Differenz in der allgemeinen freien und gleichen bürgerlichen Gesellschaft" wurde. Ebenso wie das Geschlecht der Mendelssohnschen Zeit war auch die damalige Generation weit davon entfernt, im Judentum etwas Schicksalhaftes zu sehen, mit dem man sich auseinanderzusetzen hatte. Man empfand das Judesein nach wie vor als etwas Negatives, eine Abwehr, einen Zwang. Aber die staatliche Reaktion, die den Juden jede öffentliche Tätigkeit 655 41

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