Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 654 (sequence 7)
- Language
- German
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Selma Stern Denn ein hartes Schicksal hemmte immer wieder ihre kühnen Lebensversuche, gleichsam als wollte es sich an ihrem kraftvollen, eigenwilligen Wesen erproben. Von einem Kandidaten der Theologie, dem zuliebe sie sich als ganz junges Mädchen taufen ließ, trennte sie der strenge Vater, kurz ehe jener an der Schwindsucht starb. Ihre leidenschaftliche, viele Jahre umspannende Liebe zu ihrem Vetter Heinrich Simon, den die Nationalversammlung von i848 berühmt gemacht hat, verbrannte unerwidert und endigte in ruhiger, resignierender Freundschaft. Aber entschlossen, mit der Liebe zu einem andern im Herzen keine Ehe einzugehen, durchlitt sie ebenso lange alle Qualen der unbefriedigten und unbeschäftigten Existenz der Haus- und Familientochter. Denn die Ausübung eines Berufes, nach dem es ihre selbständige, energische Natur verlangte, verbot die Auffassung der Zeit und der konservative Geist des wohlhabenden,, bürgerlichen Elternhauses. Noch einmal erlebte sie das ganze Leid der Emanzipationsjüdin, als deren Schülerin und Sachwalterin sie sich auch fühlte. Wie jene wies sie die Zumutung des Vaters, einem von ihm bestimmten Manne in die Ehe zu folgen, mit Entrüstung und Abscheu zurück. Ihr sei eine Dirne, die sich für Geld verkaufe, so erklärte sie dem drängenden Vater, nicht halb so verächtlich wie ein Mädchen, das genug gelernt habe, um sich zu ernähren, und sich für Haus und Hof verkaufe. Nur die frei erwählte, frei geschlossene Verbindung gleichberechtigter Gatten setze die Ehe in ihr wahres Recht ein, erhebe sie zu idealer Schönheit Es ist eine Vorstellung, die wie ein Leitmotiv alle ihre spateren Romane durchzieht. „Die Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste, reinste Verbindung, die gedacht werden kann", heißt es in der „Clementine". „Die Ehen, die ich aber täglich vor meinen Augen schließen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Ist es denn nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind für so und so viele Tausende opfern? Ich gestehe dir, ich würde das Weib, das augenblickliche Leidenschaft hinreißt, groß finden gegen diejenige, die, das Bild eines geliebten Mannes im Herzen, sich dem Ungeliebten ergibt für den Preis seines Ranges und Namens." Es ist bezeichnend für ihre ganze Art, daß dieses schriftstellerische Talent sich nicht elementar bei ihr Bahn brach. Sie „kommandierte die Poesie", wie man sich einmal so hübsch ausgedrückt hat, nicht aus dem Zwang der ge- 654