Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 653 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895458-2896558--00778-2896621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter des Freundes zurückstellte. Es spricht für ihre großangelegte Art, wie sie hinler allem Sarkasmus und aller Bitterkeit stets wieder das wahre Antlitz des edlen Boerneschen Menschen entdeckte; — mehr noch, wie sie es vermochte, ihrer Freundschaft zuliebe, die eigene ängstliche Frauennatur zu überwinden. Denn sie war im Grunde sehr bürgerlich, fast krankhaft darauf bedacht, jede üble Nachrede zu vermeiden. Dennoch begleitete sie Boerne auf Reisen und pflegte den Kranken oft an fremden Orten. Dennoch trat sie unerschrocken für den Verkannten und Verleumdeten in die Schranken und setzte den Verkehr mit dem aus Deutschland Verbannten in der alten Selbstverständlichkeit fort Was sie ihm war, hat Boerne selbst ihr einmal in seiner einfachen Weise geschrieben: „Nur einen Wunsch habe ich — mit Ihnen zusammen zu leben, nicht bloß weil ich Sie liebe, sondern weil ich Sie brauche, da meine Neigung zu Ihnen das einzige ist, was meine Kräfte verbinden und meinem Leben Einheit geben kann." Und es war sicherlich tiefe Wahrheit, wenn er ihr nach 13 jähriger Freundschaft versicherte, daß sie sein einziges und ganzes Publikum sei und ewig bleiben werde.-- Ganz anderer Art als Jeanette Strauß-Wohl war Fanny Lewald. Ebenso intellektuell als jene gefühlsmäßig, ebenso bedacht, ihr Selbst zu wahren wie jene aufgehend in andere und doch wie jene alle Impulse aus ihrer Zeit empfangend. Ostpreußen, Fanny Lewaids Heimat, war damals, im Gegensatz zu fast allen andern deutschen Staaten noch ein Hort der Toleranz und des Liberalismus. Der Adlige und der Bürger waren in gleicher Weise einst Schüler von Kant gewesen, sein Geist durchdrang noch die Verwaltung und Gesellschaft, während anderswo bereits die Reaktion wieder die alte scharfe Trennung in Klassen, Stände und Konfessionen geschaffen hatte. Im Hause von Fannys Vater, einem wohlhabenden, sehr gebildeten Großkaufmanne, gingen Professoren der Königsberger Universität ein und aus und erweckten in dem jungen Mädchen den ihr eigentümlichen, grenzenlosen Bildungsdrang. Kants kategorischer Imperativ bestimmte ihr festes, sittliches Well- und Lebensbild, Goethe ihr reifes Persönlichkeitsideal, Johann Jacoby, Heinrich Simon und Gabriel Rießer ihre freisinnige politische Richtung und ihre Haltung zur Judenfrage, während schwere seelische Erlebnisse ihre Stellung zur Frauenemanzipation beeinflußten. 653