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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 652

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
Date
1926-02-01
Page
652 (sequence 5)
Language
German
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Sekna Stern kaufmännisch-diplomatischen Vater, voller Ekel vor einer Gesellschaft, der das Sinken und Steigen der Börsenpapiere die lebenswichtigsten Dinge waren, befand er sich in jener inneren Vereinsamung, die so oft den jungen Mann zu der älteren, reifen und verstehenden Frau treibt Es war aber nicht nur das psychologische Moment, das die beiden zusammenführte. Denn daß diese Freundschaft ein ganzes Menschenalter hindurch gleich frisch und rein und kraftvoll blühte, daß sie über gehässige Angriffe von außen und Verstimmungen von innen, über Entfernung und Trennung und tiefe Lebensänderungen hinweg sich erhielt, daß sie der Frau zum Lebensinhalt, dem Mann zum Ansporn jeglicher Arbeit und jeglicher Tat wurde, muß doch in einer mystischen, schicksalhaften Seelenverwandtschaf t begründet gewesen sein. Es ist schwer zu unterscheiden, ob es mehr Liebe oder Freundschaft war, was zwischen den beiden webte. Sicherlich war anfangs der Mann der Stürmischere, der Werbende und Verlangende, die Frau die Abwehrende and Ruhiga Ihrer tatkräftigen, nach einem Wirkungskreise verlangenden, mütterlichen Natur genügte wohl die Sorge um den lebensunerfahrenen, verträumten und unpraktischen Mann. Ihre Briefe, auf einen scherzhaft munteren Gouvernantenton eingestellt, sind warm ohne Leidenschaft, tadelnd ohne Bitterkeit Sie treibt den Langsamen und Faulen zur Arbeit, sie ordnet seine ständig verworrenen Vermögensverhältnisse. Sie vermittelt zwischen ihm und seinem gestrengen Vater, sie sorgt für vorteilhafte Abschlüsse mit den Verlegern. Sie hält den leicht Erregten vor allzu harten und ungerechten Urteilen zurück, sie fällt — erstaunlich sicher und klar — Urteile über seine Schriften, sie weist dem noch Schwankenden und Unsicheren den ihm einzig bestimmten Wirkungskreis. Die Gründung der „Wage", jener Zeitschrift, durch die Boerne zum ersten Male als Journalist in die Öffentlichkeit trat und einen Sturm im deutschen Zeitungsleben entfesselte, ist zum größten Teil ihr Werk. Die berühmten und berüchtigten „Briefe aus Paris", jene revolutionäre Kampfansage an Fürsten und Magistrate, an Tyrannen und Dunkelmänner, seit den Tagen Lessings die kühnste und machtvollste Befreiungsschrift, waren ursprünglich Briefe an die Freundin und wurden erst auf ihr Drängen hin dem Drucke übergeben. Es ist bezeichnend für Jeanette Wohl, die man ein Genie der Freundschaft nennen kann, wie sie still und bescheiden ihre eigene Person hinter das Werk 652

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