Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 651 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter endigte nach dem kurzen Siege zur Zeit des Fürstprimas von Dalberg mit der völligen Niederlage auf dem Wiener Kongreß. Gerade aber weil in Frankfurt die alte Judenstättigkeit sich solange erhielt, weil die Annäherung an die Umgebung so langsam erfolgte, fehlten hier jene bösen Auswüchse, aber auch jene interessanten und romantischen Typen der Berliner Emanzipationszeit fast völlig. Die Zugehörigkeit zum Judentum wurde nicht gelockert, sie wurde noch gestärkt durch die Versuche der Reform wie durch die aufkommende Reaktion. Es blieb freilich viel Äußerliches und Leeres. Die begeistert aufgenommene und verkündete deutsche Kultur gab auch hier den meisten mehr Lebensinhalt als die nur mehr formelhaft bewahrte, im Wesen nicht mehr verstandene alte Tradition. In diesen Rahmen fügt sich Jeanette Wohl. Sie ist, im Gegensatz zur Emanzipationsjüdin, nicht indifferent jüdischen Dingen gegenüber, aber es fehlt ihr für sie das leidenschaftliche Interesse, das sie den politischen und künstlerischen Ereignissen ihrer Zeit entgegenbringt Sie liest die Schriften Gabriel Rießers, aber die Thiers und St Simon fesseln sie mehr. Sie verläßt das Judentum nicht, ja sie bringt ihm wohl ihr schwerstes Opfer, aber sie wird nach ihrem eigenen Geständnis vom unglücklichen Schicksal des polnischen Volkes tiefer bewegt als von dem ihrer Glaubensgenossen. Als Jeanette Wohl im Winter 1816/17 Ludwig Boerne begegnete, hatte sie schon manche bittere Enttäuschung und Lebenserfahrung hinter sich. Sie halte, selbst einem wohlhabenden Hause entstammend, 22 jährig, mehr auf Drängen ihrer Familie als eigenem Gefühle folgend, im Jahre 180 5 den reichen Kaufmann Leopold Heinrich Oppenheimer geheiratet Die nüchterne Ehe mit einem ungebildeten Menschen, der die feinsinnige, vielseitig interessierte Frau nicht verstand, hatte sie nach einigen schwer durchkämpften Jahren gegen den Willen der Ihrigen mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit und inneren Freiheit wieder gelöst Wiewohl von allen geliebt und geehrt, nahm sie nun eine etwas eigenartige Stellung ein in einem Kreise von Menschen, die ihr Leben lang die unabänderlich gesetzmäßige Bahn des Alltäglichen gingen. Die Achtung vor ihrem mutigen Schritt war sicher begleitet von einem mißbilligenden Blick, daß sie so viel Reichtum und Benagen modernen Seelenstimmungen zuliebe aufs Spiel setzte. In fast gleicher Lage war damals Ludwig Boerne. Ohne Beruf — die Reaktion hatte ihm seine Stellung als Polizeiaktuar genommen —, den Kopf voll weitschauender Pläne, aber noch ohne eigentliches Ziel, in Konflikt mit seinem 651