Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 650 (sequence 3)
- Language
- German
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Selma Stern Dichterin Henriette Ottenheimer die weiche, gefühlvolle, lyrische, schwäbische Art In Elise Henles Lustspiel lebt der kernige, gutmütige, bayrische Humor, in Lina Morgenstern die starke Intellektualität und das Verwaltungstalent der Schlesier. So geht auch die ganze stille Atmosphäre der Biedermeierzeit mit ihren festen sittlichen Grundsätzen, ihrer Bewunderung des einfach gesunden Menschenverstandes, mit ihrem harten Realismus, ihren doktrinären Prinzipien, ihrer etwas hausbackenen Nüchternheit auf die Jüdinnen über. Sie sind seßhaft und bürgerlich, gute Töchter, gute Frauen, gute Mütter. Die Seele der Emanzipationsjüdin schwingt stets in tausend Tönen. Die Jüdin der Restaurationszeit dagegen hat etwas von den klaren, sich gleichbleibenden Formen der Bauten und Möbel jener Epoche an sich. Sie sucht nun nicht mehr nach der blauen Wunderblume in weiter Ferne. Die Wirklichkeit gibt ihr Stoff zum Nachdenken und Beobachten genug. Sie beschäftigt sich auch nicht mehr so viel mit der eigenen Persönlichkeit wie die Jön gerinnen der Romantik. Man geht wieder mehr auf in der Familie. Wohl jede dieser Frauen hat gleich Jettchen Gebert für Onkel Salomon Kissen gestickt, für Onkel Eli Kuchen gebacken oder sich über die Neugierde einer Tante Riekchen oder Hannchen geärgert Die Schriftstellerin Rahel Meyer z. B., die nach dem Tode ihrer Schwester ihren Schwager, einen Bernsteinhändler heiratete, schrieb am Schreibtisch ihrer Kinder, deren Schulaufgaben sie bewachte, ihren ersten Roman. Die bekannte Pädagogin Johanna Goldschmidt schenkte acht Kindern das Leben. Elise Henle, die Gattin des Eßlinger Fabrikbesitzers Levi, trat trotz eines preisgekrönten Lustspiels nie aus ihrem häuslichen Kreise heraus. Und Fanny Lewald, selbst eine peinlich genaue Hausfrau, hat zu ihrem Motto bezeichnenderweise die Worte „Ordnung und Sparsamkeit" erwählt Als die beiden typischsten Repräsentantinnen jener Epoche möchte ich Boernes Freundin Jeanette Strauß-Wohl und die Königsberger Schriftstellerin Fanny Lewald bezeichnen. Jeanette Strauß-Wohl entstammte der Frankfurter Judengasse. Ihre Jugend fiel in die Zeit, da der Wirbelwind der Berliner Aufklärung auch hier die Bewohner des „neuen Ägypten", wie man das Frankfurter Ghetto nannte, aufrüttelte. Doch der Kampf um die politische Gleichberechtigung, den die bedächtigen Handelsleute der Stadt in zäher Beharrlichkeit viele Jahre führten, 650