Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 649 (sequence 2)
- Language
- German
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Selma Stern: Die Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter lassung zu öffentlichen und staatlichen Ämtern bewies, daß das graue Gespenst des Judenhasses nur eine kurze Zeit geschlafen hatte. Auf der andern Seite aber entstammte diese Generation meist breiten, behaglichen, oft üppigen Verhältnissen. Die wirtschaftliche Freiheit, durch die Sprengung des Ghetto veranlaßt, die angeborene Unternehmerlust, dazu der Ausschluß von jeder öffentlichen Tätigkeit trieben die Juden in die vordersten Reihen der großen Bankiers, der industriellen Unternehmer, der Exporteure und Händler. Rahel hatte noch geklagt über die niedere Umgebung, deren Berührung sie beschmutze. Die Schilderung ihrer Kinderzeit dagegen, die die im Jahre 1811 geborene Fanny Lewald in ihrer Lebensgeschichte entwirft, das frohe Treiben der großen Kinderschar in dem weiten, dreistöckigen Haus, unter der Obhut zärtlicher Eltern, umgeben von tätigen Verwandten und geselligen Freunden mutet in ihrer satten Ruhe fast an wie das farbenprächtige Bild eines niederländischen Meisters. Die Disharmonie zwischen der eigenen Bildung und einer ungebildeten Umwelt, unter der die Emanzipationsjüdin gelitten hatte, fällt hier von vorneherein weg. Denn der Besuch der deutschen Schulen wurde nun eine Selbstverständlichkeit, ja ein Zwang. So kommt es, daß diesem ganzen Geschlecht das Autodidaktische, das Abenteuerliche, das Barocke fehlt, das die romantische Generation von einem Orte zum andern getrieben hatte. Man hatte zum Teil erreicht, was jene erstrebt hatte, man konnte nun ruhiger die Früchte des Kampfes genießen. Hatte aber die Jüdin der Emanzipationszeit durch Originalität und Geist ihren Eintritt in die deutsche Gesellschaft zu rechtfertigen gesucht, so will die Jüdin der Restaurationszeit durch mögliche Farblosigkeit, Einfachheit, Zurückhaltung, durch strenge Ethik sich der Umwelt einfügen, ihr den Beweis ihrer sittlichen Gleichberechtigung liefern. Der Prozeß der „Enthistorisierung", der „EnlpartLkularisierung", der Nivellierung setzte sich in dem Maße fort, als die Bildung fortschritt, als man sich von dem jüdischen Kultus und den jüdischen Riten entfernte. Ja, so sehr gelingt es dieser Generation rein willensmäßig die jüdische Art zu verdrängen, d. h. sie ins Unterbewußte zu verschieben, daß ihr Wesen selbst durch die landschaftlichen Eigenheiten der deutschen Heimat zum größten Teile bestimmt wird. In der Königsbergerin Fanny Lewald waltet ebensosehr das schroffe, herbe, unbeugsame, ostpreußisdta Element wie in der süddeutschen 649