Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Nachahmung Gottes
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 644 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber uns noch lange nicht in seiner ganzen Tiefe aufgenommene Wort Rabbi Akibas *): „Ein Liebling ist der Mensch: er ist im Bilde Gottes erschaffen worden; aber in einer besondern Liebe wurde ihm kundgetan, daß er im Bilde Gottes erschaffen worden ist" Daß unsre Ebenbildlicbkeit uns offenbart ist, gibt uns den Antrieb, sie zu entfalten, und so Gott nachzuahmen. Gott spricht: „Machen wir Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis"; aber von der schaffenden Handlung selber heißt es: „So schuf Gott den Menschen in seinem Bilde"; nur dieses wird hier genannt, nicht auch das „Gleichnis". Wie ist das zu verstehn? Darauf antwortet wieder eine agadische Deutung 2): „Im Bild allein und nicht auch nach dem Gleichnis, weil das Gleichnis in der Hand des Menschen ist" Das „Gleichnis" ist das Gleichwerden. Der Sündenfall des ersten Menschen bestand darin, daß er das ihm in seiner Erschaffung zugedachte Gleichnis anders erreichen wollte als durch die Vollendung des „Bildes". „Der Grundsinn der Erschaffung des Menschen", sagt ein chassidisches Buch 3), „ist, daß er sich, so sehr er irgend vermag, seinem Schöpfer angleiche." Das Buch führt sodann den schönen Spruch4) R. Chiskijas, des Sohns Rabbi Chijas, an: „Heil den frommen Propheten, die das Gebild seinem Bildner und die Pflanzung ihrem Pflanzer vergleichen", und erklärt ihn folgendermaßen: „Sie gleichen sich selber ihrem Schöpfer an, indem sie auf seine Einheit zu alle ihre Glieder einen und allen Anteil des Übels aus sich vertreiben, damit sie vollkommen werden mit dem Herrn ihrem Gott . . . Darum sprach Gott: Machen wir Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis — aus Liebe schuf er den Menschen in seinem Bilde, damit er sich seinem Schöpfer anzugleichen vermöge." Wieder erhebt sich vor uns die scheinbar überwundne Frage: Wie können wir Gott nachahmen? Wohl, sein Ebenbild ist in uns gelegt, in uns angelegt, und dadurch, daß es so ist, wird uns die Wirklichkeit des Ziels und die Möglichkeit des Wegs verbürgt Aber welches ist der Weg? Haben wir unsern Blick auf unsre Seelen allein, auf ihre verborgene Ebenbildlichkeit, die zu entfalten uns geboten ist, zu richten? Oder haben wir ein Vorbild, auf das zu wir sie entfalten, sie vollenden dürfen? Ist Gott unser Vorbild? Und noch einmal: wie kann er, der Unvorstellbare, es sein? *) Sprüche der Väter III. — 2) Jalkut Reubeni zu IM. 1,27 im Namen des Q^TfÜ *1£D Vgl. zum Unterschied zwischen „Bild" und „Gleichnis" Midrasch Tanchuma zur Stelle <"ed. Buber i5). — 3) QHjf ßigj -jg^ zu IM. 1,26 (Warschauer Ausgabe S. 3g). — *) Mid. Schuchar tob zu Ps. 1,1. 644