Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Nachahmung Gottes
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 643 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachahmung Gottes zu gleichen." Und in noch stärkerer Sprache ergänzt der Midrasch x) einen andern Satz desselben Buchs (4, 4): „Und ihr, die ihr dem Herrn, eurem Gott, anhanget, ihr lebt alle heute", folgendermaßen: „In dieser Welt hangt Israel Gott an, aber im kommenden Sein werden sie sein und gleichen". Aber ist damit das Kommende vom Gegenwärtigen, die „Welt der Vollendung" von der des Mangels so getrennt, daß keine Brücke des Sinns mehr von hier hinüber zu führen scheint? Daß wir Gott gleichen sollen, ist uns schlechthin unbegreiflich; aber greifbar wirklich ist uns, daß wir ihm ungleich sind, wie eben solch ein „aus Staub der Erde" geknetetes Figürchen dem Schöpfer aller Dinge ungleich sein muß. Welches Tun des Menschen könnte den Abgrund zwischen jenem Gleichen und dieser Ungleichheit auch nur zu einem Teil füllen? Die Lehre bleibt jedoch nicht bei der Verheißung stehen. „Wisset", heißt es im 100. Psalm, „der Herr ist unser Gott, er hat uns gemacht, ihm gehören wir zu." 2) Dazu bemerkt3) Rabbi Acha, ein Zeitgenosse Kaiser Julians, der wundersame Mann, der bei Hochzeiten die Braut auf seine Schulter setzte, um so den frommen Tanz mit ihr zu tanzen, und bei dessen Tod, wie es heißt, die Sterne am Tag gesehen wurden: „Er hat uns gemacht, und auf ihn zu vollenden wir unsere Seelen." Wir vollenden unsre Seelen auf Gott zu. Jenes Gott-„Gleichen" ist also nicht etwas mit diesem unsrem irdischen Leben Unyerbundenes, es ist dieses unsres Lebens Ziel, wenn eben unser Leben ein Vollenden unsrer Seelen auf Gott zu ist Und, so dürfen wir wohl hinzufügen, die Vollendung einer Seele wird ihre Gottgleiche genannt, die ja kein Gleichsein bedeutet, sondern: daß diese Seele die ihr zugeteilte Ebenbildlichkeit verwirklicht hat Wir vollenden unsre Seelen auf Gott zu, das heißt: jeder, der dies tut, vollendet seine Ebenbildlichkeit, seine Jechida, seine „Einzige", seine Einzigkeit als Gottes Ebenbild. „Denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht" Darauf gründet sich die Nachahmung Gottes. Wir sind bestimmt, ihm zu „gleichen", das heißt: das Bild, in dem wir erschaffen sind und das wir in uns tragen, aus uns zu vollenden, um — nicht mehr in diesem Leben — seine Vollendung zu erfahren. Das Judentum, das am stärksten den Wirklichkeitsernst der Erschaffung des Menschen durch Gott erfaßt hat, hat auch die Bedeutung der Ebenbildlichkeit für das Leben des Menschen am reinsten erkannt Davon zeugt das von *) Pesikta Rabbati ed. Friedmann 46 b. — 2) Nach dem v^p ist nicht £^ sondern yjzu lesen. — 3) Bereschith Rabba zu 49,2g. ' 643