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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 642

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Nachahmung Gottes
Date
1926-02-01
Page
642 (sequence 5)
Language
German
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Martin Buber aber es konnte auch abfallen, eben weil der Grieche mit Zeus nicht durch eine Erinnerung verbunden war. Für den Christen ist der menschliche Lebenslauf, der ihn als Christen begründet hat, maß- und mustergebend; er ahmt nicht ein Bild nach, sondern eine Lebensgeschichte. Eine große Frage tut sich von dieser Einsicht aus freilich erst recht auf: inwiefern kann diese Nachahmung eines Menschenlebens eine Nachahmung Gottes bedeuten? Darauf antwortet die Kirche mit dem Dogma der Menschwerdung. Aus den frühchristlichen Gemeinden antworten andere Stimmen. Die klarste wohl ist die des (oben angeführten) Ignatius von Antiochia. Er schreibt an die Philadelphierx): „Werdet Nachahmer Jesu Christi, wie er Nachahmer ward seines Vaters". Das erinnert wunderlich an das Wort Pauli an die Korinther2): „Werdet meine Nachahmer, gleichwie ich Christi". Die Nachahmung wird durch Zwischenglieder erleichtert, ermöglicht Wir brauchen uns nur aus der Indirektheit in die Direktheit, aus der Nachahmung Jesu in seine Nachahmung unseres Vaters zu versetzen, und wir stehen auf jüdischem Boden. III. Die Nachahmung Gottes, nicht des Wunschgebilds, sondern des wirklichen Gottes, und nicht eines menschgestaltigen Mittlers, sondern Gottes selber, ist die zentrale Paradoxie des Judentums. Eine Paradoxie — denn wie vermöchte der Mensch den Unsichtbaren, Unfaßbaren, Gestaltlosen, nicht zu Gestaltenden nachzuahmen? Man kann docli nur nachahmen, wovon man eine Vorstellung — gleichviel, ob eine Phantasic- oder eine Erinnerungsvorstellung — hat; aber sowie man sich von Gott eine Vorstellung macht, ist es ja nicht mehr er, den man sich vorstellt, und eine Nachahmung, die sich darauf gründete, wäre keine. Worauf kann sich die Nachahmung Gottes gründen? Die Antwort der jüdischen Lehre, soweit wir sie aus ihrem agadischen Ausdruck erschließen dürfen, ist: Sie gründet sich darauf, daß wir bestimmt sind, ihm zu gleichen. Die Rede Mose (V. M. i, 10): „Und so seid ihr heut wie die Sterne des Himmels an Menge", deutet der Midrasch3), indem er das durch „Menge" übersetzte Wort 2*-) in seinem Sinn als „Herr, Meister" auffaßt: „Heute seid ihr wie die Sterne, aber im kommenden Sein ist es euch bestimmt, eurem Herrn i) 7,2. - 2) I ii.i. - S) Debarim Rabba zur Stelle. 642

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