Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 641

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Nachahmung Gottes
Date
1926-02-01
Page
641 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895458-2896557--00765-2896609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nachahmung Gottes herbeigeheischt wurde, weder geflohen, noch habe er sich selbst ausgeliefert, sondern er habe sich auf ein Landgut begeben und da verweilt, „um verraten zu werden", wie man es ihm von Jesus erzählt hatte. So hat denn seine Gemeinde ihn in einem Schreiben über seinen Tod *) unter die „Zeugen und Nachahmer" gezählt Die Tendenz der Nachahmung erfüllt sich in Franz von Assisi „Die Nachfolge des armen Lebens Christi" ist die Losung seines Ordens; im Eingangsabschnilt der ersten Regel, die er für den Orden niederschrieb, bezeichnet er als dessen Absicht, den Fußspuren Jesu zu folgen. Seine eigene Person steht von der Bekehrung an im Vollzag dieser Absicht, bis zur äußersten Unmittelbarkeit des Mittuns und Miterleidens. Aber was in diesen mehr als tausend Jahren aus der Tendenz geworden ist, zeigt sich offenkundig in der Darstellung seines Lebens durch die Legende. Von der Abschilderung der Ähnlichkeit seiner Erscheinung mit der Jesu über all die großen und kleinen, oft auch ins Kleinliche durchgeführten „Entsprechungen", bis zu den an die Stigmatisation, als an das Leibhaftwerden der Tendenz, anknüpfenden Wundergeschichten macht sie Franziskus zum signaculum similitudinis vitae Christi.2) An die Stelle des ethisch-religiösen Antriebs zur Nachfolge ist hier eine Verwandlung, ein mystisches, ja im Einzelnen geradezu magisch anmutendes Angeglichenwerden getreten, an die Stelle des Christo conformiter vivere (Bonaventura um 1263) das Register der mirakulösen conformitates (Bartholomaeus de Pisis i385, dessen Liber conformitatum Luther bekanntlich als „der Barfuser Münche Eulenspiegel und Alooran" bevorwortet hat). Aller christlichen imitatio Kern aber ist doch eine Erinnerung: das Überliefertwerden eines Gedächtnisses durch die Generationen; daß die Überlieferung das Überlieferte „mythisiert", tut ihrem Kerncharakter keinen Abbruch. Und zwar geht es um das Gedächtnis eines Lebenslaufs, des Ablaufs eines Menschenlebens. Diese Doppeltatsache — Lebenslauf und Erinnerung — hebt die christliche Nachahmung von aller griechischen völlig ab. Es ist dem Griechen (trotz Piatons3) unwilliger Bemerkung über die Kreter, die Zeus in bedenklichen Sitten „nachfolgten") nicht beigefallen, das, was sein Mythus von seinem höchsten Gott erzählte, in die Vorbildhaftigkeit der Gestalt irgend einzubeziehen; ja, all das mußte abfallen, um die Gestalt zum Vorbild zu machen; x) Eusebius IV 15. — 2) Ubertinus de Casali, Arbor vitae crucifixae (i3xa). — 3) Gesetze 636 D. 641 40*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.