Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Nachahmung Gottes
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 640 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber kann aus der pythagoreischen „Nachfolge" die platonische Mimesis werden. So „unsinnlich" der Piatonismus, zumal der spätere, seinen Gott meinen mag, er kann ihn von der Sinnlichkeit des Phidias, der die Gestalt vollendete, nicht losbinden; die Vorbildlichkeit des Gottes bleibt in seiner Bildlichkeit, seiner Wunschbildlichkeit begründet Der Grieche kann nur nachahmen, was er gemacht hat II. „Werdet nun Nachahmer Gottes, als die lieben Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie der Christus euch geliebt hat", heißt es in dem dem Apostel Paulus zugeschriebenen Brief an die Epheser.1) Die Nachahmung Gottes ist für das Christentum identisch mit der Nachahmung seines Stifters, der ihm die Gottheit in einer Menschengestalt und in einem Menschenleben abbildlich darstellt: was das Johannesevangelium2) den Stifter selbst in den Worten, aussprechen läßt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." Diese Worte, mit dem wiederholten Anruf „Folge mir nach!" zusammengenommen, geben den Grundsinn jener Tendenz, die als imitatio Christi bezeichnet worden ist Sie hebt in der Frühzeit des Christentums an, erreicht nach mehr als einem Jahrtausend ihre Höhe, den reifen literarischen Ausdruck freilich erst später (im iö. Jahrhundert), um seither nur noch in vereinzelten und vereinsamten Lebensläufen fortzuwirken. Für Anfang und Gipfelung der Tendenz möge je ein Beispiel genügen. Polykarp, Bischof von Smyrna in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, ein Mann, der ohne bedeutende Gaben des Geistes, offenbar nur durch die Entschiedenheit und Zuverlässigkeit seines Wesens, so wichtig erschien, daß der große Ignatius ihm schrieb, die Zeit begehre nach ihm, um zu Gott zu gelangen, fordert in seinem Brief an die Philipper 3) diese auf, Nachahmer der Geduld, richtiger der Erduldungsbereitschaft Jesu zu werden. Die Kunde von dieser nachzuahmenden Eigenschaft und ihren Taten hat Polykarp nicht aus der schriftlichen Tradition allein übernommen, sondern er hat sie in seiner Jugend im Umgang mit Augenzeugen des Lebens seines Meisters empfangen.1) Und diese Kunde setzt sich in ihm nicht bloß in die Forderung um, sie bestimmt sein eignes Leben und Sterben; von seinem Verhalten vor seinem Martyrium heißt es5), er sei, als er vom Pöbel ins Amphitheater „zu den Löwen" *) 5,i. — 2) i4,g. — 3) 8,2. — 4) Irenaus bei Eusebius, Kirchengeschichte V20. •— 6) Martyrium Polycarpi 1,2. 640