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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 639

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Nachahmung Gottes
Date
1926-02-01
Page
639 (sequence 2)
Language
German
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Martin Buber: Nachahmung Gottes Gott — was ist dies aber für ein Gott? Wenn diese Philosophen, von Pythagoras bis auf Piaton, „Gott", „der Gott" sagen, was meinen sie damit? wen meinen sie? Um ihm nachzuahmen, muß man ihn kennen — wer ist er? „Zeus, der große Führer im Himmel", sagt Piaton in dem angeführten Phaidros-Abschnitt; aber wer ist Zeus? Worauf wir uns, wenn wir uns so befragt haben, zuerst besinnen, ist das Phidias-Bild des Thronenden aus Gold und Elfenbein, den Öllaubkranz auf dem Haupt, die Siegesgöttin in der Rechten, in der Linken das aus allen Metallen geüiebene Szepter mit dem Adler, Tiergestalten und Blüten auf dem Gewand; das Bild, das, wie Pausanias1) erzählt, der Gott selbst, auf des Bildners Gebet, durch einen Donnerschlag bestätigte. Woher aber nahm Phidias die Gestalt? Die Überlieferung2) läßt ihn auf die Frage nach dem Modell antworten, er habe sich an das Modell gehalten, das jene berühmten Verse Homers3) von dem mit den dunkeln Brauen winkenden Herrscher darstellen, dem die ambrosischen Locken vom unsterblichen Haupte wallen. Wenn man an all die Erzählungen derselben Hias denkt, wo Zeus sich eher wie ein tobender urweltlicher Riese als wie der majestätische Olympier gebärdet4), fühlt man, wie sehr in dem Werk der klassischen Bildnerei die Macht der künstlerischen Auslese waltet. Und von hier aus versteht man, daß Zeus das sich durch Ausscheidung alles Unzulänglichen vollendende Wunschgebild der griechischen Sehnsucht nach der Vollkommenheit ist Die Phantasie, die um die Gestaltung ringt, entreißt ihn seiner ursprünglichen — in Erscheinungen wie dem schlangenleibigen Zeus Ktesios fortlebenden —. Dämonie, sondert alles Gesialtwidrige von ihm, bis das reine Gebild ganz sichtbar geworden ist Zwar hat, schon ehe dies geschah, die Sehnsucht nach der Vollkommenheit, auch in der Gestalt keine Stillung findend, das erhabne Wort gesprochen (in den „Heliaden" des Äschylos) 5), das die Gestalt auflöst: „Zeus ist Alles und was Allem überwaltet"; und von hier führt ja der unaufhaltsame Weg zur völligen Auflösung der Person, ja der Substanz selber in jenem Gebet, das Euripides der Troerkönigin in den Mund legt6): „Wer du auch seist, der Kenntnis ßchwer erfaßlich, Zeus, — Not des Werdens oder Menschengeist, ich fleh zu dir!" Aber die Plastik, die treuste Werkmeisterin der griechischen Idee, trotzt deren Schicksal und macht, um die auflösende Aktion der Tragiker unbekümmert, die Gestalt endgültig sichtbar und damit nachahmbar. Nun erst i) Vn. — 2) Strabo VIII 353. — ») Iiias i, 527. — *) z. B. i, 58o; i/», 276; i5, 18. — *) Frg. 70. — 6) Troerinnen 884. 639 40

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