Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 635 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel und die Kultur des alten Vorderasien betreffen, hat Israel gar manches sich zum geistigen Eigentum .gemacht und in charakteristischer Weise umgebildet Am bekanntesten ist wohl, wie der berühmte Kampf Marduks mit dem Drachen, dem Chaosungetüm, auf Jahwe übertragen ist: Jahwe ward zum drachentötenden Gott Zahlreiche Stellen des A. T. in der prophetischen und Psalmenliteratur spielen auf dieses Mythenmotiv an. In Zusammenhang mit diesem Drachenkampf vollzieht sich im babylonischen Mythus die Weltschöpfung. Auch dieses letzteren Themas hat sich Israel bemächtigt Hier aber tritt uns der ganze Unterschied zwischen Marduk und Jahwe entgegen. Dort, im babylonischen Schöpfungsmythus, nach dem mühsamen Kampfe Marduks gegen das chaotische Ungetüm ein mühevolles Anfertigen der einzelnen Teile des Kosmos durch die Götter; hier, in Gen. i, die Schöpfermacht Elohims, dessen „es werde" die Dinge mühelos ins Dasein ruft; und was er schafft, ist vollkommen. Noch stärker vergeistigt ist die babylonische Flutgeschichte. Um der menschlichen Sünde willen muß nach der Darstellung des A. T. die Flut kommen als ein Strafgericht des heiligen Gottes; der einzelne Fromme wird gerettet In der babylonischen Darstellung wissen die Götter selbst nicht recht, was sie zur Herbeiführung der Flut veranlaßt. Der Gott Ea rettet seinen Liebling heimlicherweise. Als die Flut da ist, bekommen die Götter selbst es mit der Angst Nach der Flut laben sie sich am Opfer des Geretteten, und dabei kommt es zu einem sehr häßlichen Gezänk unter ihnen. Es ist in religiös-sittlicher Hinsicht ein ungeheurer Abstand zwischen dem keilschriftlichen Original und seiner biblischen Variation. Einzigartig und für den religiösen Genius Israels ganz besonders bezeichnend ist es, wie die Geschichte vom Turm zu Babel aufgenommen und verwertet ist Der babylonische Stufenturm soll zum Himmel hinaufführen, aber der Neid der Götter legt dieses Titanenwerk in Trümmer. Der alttestamentliche Erzähler läßt von diesem unvollendeten Werk der Menschen die Vielheit der Sprachen der Völker ausgehen; sie ist die Folge menschlicher Sünde; etwas Unnatürliches, etwas, das Gott nicht gewollt hat Nach seinem Ratschluß sollte in der Völkerwelt Eintracht und Einverständnis herrschen: ein Reich, das dem Frieden und der Gesittung diente. Wie haben Propheten und Dichter des A. T. gerade diesem Gedanken, der aus der Tiefe der Seele Israels geboren war, immer aufs Neue Worte geliehen, und wie weit sind wir heute noch immer von ihm entfernt An religiös-sittlichen Idealen ist das A. T. noch immer unerschöpft 635