Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel und die Kultur des alten Vorderasien Bezeichnend in dieser Hinsicht ist zweierlei. Der Dichtergenius Israels, welcher die göttliche Schöpfertätigkeit am großartigsten geschildert hat, hat Gott als Weltschöpfer und Weltlenker zugleich verherrlicht: „Der die Himmel ausbreitet wie Flor und sie aasspannt wie ein Wohnzelt, Er ist es, der die Herrscher wandelt in ein Nichts und Erdenhäupter zu Schatten macht" Und ferner: Nur Israel ist unter allen Völkern Vorderasiens über die annalistische Form der Geschichtsdarstellung hinweggekommen und hat eine wirkliche Geschichtsschreibung erzeugt Ja, im A. T. sind die Elemente vorhanden, welche zur Bildung einer Universalgeschichte den Grundstock abgeben, nämlich die beiden Gedanken von der Einheit des Menschengeschlechtes — das Korrelat zu dem einen Gott — und von der Führung der Menschen durch den Willen Gottes zu einem bestimmten Ziel. Werfen wir von hier aus, sozusagen im Vorbeigehen, gleich noch einen1 Blick auf die Staatsform Israels. In Israel hatte man das Königtum eingeführt, und damit, wie vorher gezeigt, mancherlei übernommen, was von dieser Institution unabtrennbar ist Allein das israelitische Königtum zeigt doch gegen das altorientalische beachtenswerte Unterschiede. Es soll jetzt nicht darauf der Nachdruck gelegt werden, daß Davids Königtum zunächst noch kein erbliches war in dem Sinne, daß es nach einem festen Erbfolgegesetz an den ältesten Sohn überging; auch nicht davon, daß bei Salomos Tode die Volksgemeinde bestimmte Forderungen an den Thronerben stellte. So bezeichnend diese Details sind, sie mögen der Kürze wegen außer Betracht bleiben. Aber, war die Person des Herrschers als des „Gesalbten Jahwes" auch sakrosankt, zu einer Apotheose des Königs ist es in Israel niemals gekommen. Im Gegenteil — es wurde in Israel mit einem für orientalische Verhältnisse sicherlich einzigartigem Freimut am Herrscher Kritik geübt und monarchischer Despotismus rücksichtslos verurteilt Aber zurück zu der geistigen Gottesanschauung Israels. Wie wirkte sich diese im Kult und in der religiösen Gedankenwelt aus? — Im Kult war jegliche bildliche Darstellung der Gottheit verpönt Begreiflicherweise hat sich je länger je mehr die Anschauung der religiös-führenden Persönlichkeiten und das Bedürfnis der großen Menge an dieser Stelle in Widerstreit gesetzt Aber in richtiger Erkenntnis der Gefahren, welche die bildliche Darstellung der Gottheit bezüglich ihrer Geistigkeit und ihrer Einheit involvierte, war und 633