Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 632 (sequence 8)
- Language
- German
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Max Lohr Stromland die pessimistische Lebensstimmung ist Das Leben ist, mit Schopenhauer zu reden, kein Geschäft, das die Kosten deckt Dieselbe Stimmung im Buche Koheleth ist aligemein bekannt Und — äußerst charakteristisch — wie in diesem Buche gemahnt wird, die kurzen Stunden dieses Daseins zu genießen, so auch in der babylonischen und ägyptischen Literatur. Der Genuß der Stunde das beste Narkotikum für die Mühsal des Lebens, das ist eine uralte orientalische Lebensweisheit Das Vorstehende zeigt zur Genüge, wie sich Israel keineswegs gegen die Geisteskultur seiner Umwelt abgeschlossen, wie stark es vielmehr daraus entlehnt und sich assimiliert hat Dennoch bleibt das Wort über Israel: Num. 23, i: Siehe ein Volk, das für sich allein, abgesondert wohnt, in gewissem Sinne zu recht bestehen. Denn neben diesem Entlehnten und Verwandten gibt es nicht unbeträchtliche Verschiedenheiten; Verschiedenheiten, in denen sich Israels Eigenart auswirkt, und die einen tiefen Einblick in die Seele Israels gewähren. Der fundamentalste Unterschied zwischen Israel und den übrigen Völkern der altorientalischen Welt ruht kurz gesagt in Israels Gottesanschauung. Sein Gott ist einer. Israel kennt kein systematisch geordnetes Pantheon, kein Heer von Göttern und Göttinnen. Und dieser eine Gott ist ein rein geistiges Wesen, fernab von allem Naturhaften; ein Herr vielmehr über Natur und Geschichte. Er ruft den Sternen und läßt sie ihre Bahnen wandeln, er ruft die Menschengeschlechter, sie kommen und gehen. In Babylonien und Ägypten gibt es eine Unzahl göttlicher Wesen, und sie sind im allgemeinen Personifikationen kosmischer Kräfte, Grestirngottheiten, Vegetationsgötter und ähnliches. Jahwe ist der Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, der Alte der Tage. Nun will ich nicht unerwähnt lassen, einerseits, daß sich auch in Vorderasien monotheistische Ansätze zeigen und eine Ethisierung der Gottheit sich findet; andererseits, daß Jahwe bisweilen etwas Dämonisches innewohnt, daß er im Gewittersturm daherfährt, der Donner seine Stimme genannt wird. Aber bei aller Naturbeseelung, die der alttestamentliche Dichter sich gestattet, wenn er Wolkendunkel und Sturmwind als Boten seines Gottes bezeichnet; so sehr ihn die Pracht des orientalischen Sternenhimmels, der Glanz der Sonne, vor der nichts verborgen bleibt, entzückt, die letzteren sind doch nur das Werk seiner Hände, das seine Herrlichkeit verkündigt 632