Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 631 (sequence 7)
- Language
- German
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Israel und die Kultur des alten Vorderasien an schau ungen und -grundsätze bezüglich der Haftpflicht und des Eherechts, also zivilrechtliche Materien, vor, die über ganz Vorderasien verbreitet gewesen sein müssen, und die demgemäß auch von Israel, als es in" diese Kultursphäre eindrang oder möglicherweise auch schon lange vorher akzeptiert worden sind. Nach dem Recht ist noch eines großen Geistesgebietes zu gedenken, das für den Orient und seine geistige Art charakteristisch ist und eine Verbreitung gehabt hat vom Euphrat bis an den Nil, nämlich der Weisheitssprüche oder der geistreich pointierten Sentenzen. Von Salomo heißt es, daß seine „Weisheit" größer war als die „Weisheit" aller Morgenländer und die ganze „Weisheit" Ägyptens. Parallelen zu den Sprüchen Salomos lassen sich aus der Keilschriftliteratur und aus dem Ägyptischen in beträchtlicher Zahl nachweisen. Auch hier ist übrigens neben dem Inhalt die formale Verwandtschaft beträchtlich. Hervorgehoben sei hier, daß erst unlängst ein ägyptischer Papyrus bekannt geworden ist, enthaltend eine Spruchsammlung: die Lehre des Amen-em-ope, die dieser für seinen Sohn zusammengestellt hat Diese Spruchsammlung ist erwiesenermaßen in Prov. 22, 17—24, 22 benutzt Einige der dort vorkommenden Sprüche stimmen mit der ägyptischen Vorlage fast wörtlich überein, andere — die meisten — sind umgearbeitet, atmen aber ägyptischen Geist Jene ägyptische Spruchsammlung stammt aus der Zeit ca. 1000 v. Chr. Wie und wann sie zu Israel gekommen, und wann sie bearbeitet worden ist, darüber haben wir ein sicheres Wissen leider nicht Neben den Sprüchen sind aus dem Schatze altorientalischer Weisheitsliteratur hier zu nennen Tierbeschreibungen wie die des Nilpferdes und des Krokodiles in Hiob £o oder die des Streitrosses in Hiob 39, von denen jene ohne Zweifel einen ägyptischen, dieses vermutlich einen assyrischen Einschlag im alitestamentlichen Schrifttum darstellen dürften. Eine beliebte Form der allorientalischen Weisheitsdichtung ist endlich die Pflanzenfabel. Neben der ägyptischen von der Sykomore und der Dattelpalme steht die alttestamentliche von der Zeder und dem Dornstrauch. Der bekanntesten von allen, der sogen. Parabel des Jotham von den Bäumen, die einen König haben wollten, Jud. 9, einer scharfen Satire auf den orientalischen Despotismus, liegt anscheinend ein kanaanäisches Original zugrunde. Wie in diesem Beispiel ein politisches Urteil zum Ausdruck kommt, so finden sich andern Orts Aussagen über den Wert bzw. Unwert des menschlichen Lebens; und da ist es bezeichnend, wie alt in Ägypten und im Zwei- 631