Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 629 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel und die Kultur des alten Vorderasien und Anrufung der Gottheit Hundert und aber hundert von Hymnen und Gebeten sind uns aus dem Zweistromland und Ägypten bekannt; frappant ist ihre Verwandtschaft mit den Psalmen des A. T. nach Form und Inhalt Nicht allein, daß sich dort der Parallelismus der Versglieder und die Stropheneinteilung findet, wie im A. T.; es gibt eine lange Reihe sprachlicher Wendungen, welche die geistliche Dichtung Israels mit der vorderasiatischen gemein hat Inhaltliche Verwandtschaft hat man festgestellt zwischen dem berühmten Sonnenhymnus des Pharao Amenophis IV und Psalm io4- Der königliche Dichter sagt von dem Sonnengott: „Die Erde ist in Deiner Hand, wie Du sie gemacht hast Gehst Du auf, so leben sie (die Geschöpfe), Gehst Du unter, so sterben sie. Aller Augen schauen auf Deine Schönheit, Alle Arbeit wird niedergelegt, wenn Du im Westen untergehst" Und der Psalmendichter: „Du tust Deine Hand auf, sie werden mit Gutem gesättigt Verbirgst Du Dein Antlitz, so vergehen sie. Sie alle warten auf Dich, daß Du ihnen ihre Speise gebest zu seiner Zeit Geht die Sonne auf, so geht der Mensch an seine Arbeit bis zum Abend," In einem babylonischen Gebet an den Sonnengott Schamasch heißt es: „Wer böse Anschläge ausführt, dessen Horn zerstörst Du. Wer dem Schamasch wohlgefällig, dessen Leben wird verlängert" Ein ägyptischer Frommer bittet den Amon: „Strafe mich nicht wegen meiner vielen Sünden", und ein anderer: „Amon, leihe dein Ohr einem, der allein steht im Gericht, der arm ist und sein Gegner ist mächtig." Von gewissen Änderungen abgesehen, könnte jedes einzelne dieser Zitate im Buche der Psalmen stehen. Der religiös-sittliche Gehalt, welcher in diesen geistlichen Liedern hervortritt, macht sich auch in andern Literaturgattungen bemerkbar. Ein. Stück aus einem babylonischen Beschwörungstext lautet: „Hat er Vater und Mutter verachtet? Hat er falsches Gewicht gebraucht? Hat er sich in den Besitz seines Nachbars gesetzt? Hat er sich seines Nächsten Weibe genaht? Hat er seines Nächsten Blut vergossen? War er mit dem Munde aufrichtig, aber falsch im Herzen?" 629