Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Lohr tigen, auf das man wahrscheinlich die Inschriften eingegraben hat: es ist der sehr weiche, vergängliche Kalkstein, wie ihn das Land darbietet Nach diesen einleitenden Bemerkungen will ich die wichtigsten Gebiete der geistigen Kultur Vorderasiens skizzieren, und Israels Berührung mit ihr aufweisen. Mit der hochentwickelten materiellen Kultur des alten Vorderasien war eine staunenswerte geistige Kultur erblüht Wenn dieselbe selbstverständlich auch die allgemeinen Schranken ihrer Zeit aufweist, z. B. hinsichtlich der Welterkenntnis oder auf sozialem Gebiet eine Scheidung der Menschen in Freie und Unfreie oder Sklaven, so halte sie doch beispielsweise in sittlicher, zivil- und staatsrechtlicher Beziehung schon eine beträchtliche Höhe erreicht, ehe Israel in das volle Licht der Geschichte eintrat Von eminenter Bedeutung für alle Gebiete des Lebens ist in der antiken Welt, auch in Vorderasien, der Kultus; und das, was man mit einem Terminus der allgemeinen Religionsgeschichle als tabu bezeichnet hat, hat auch unter den Völkern des alten Orients, Israel eingeschlossen, eine enorme Rolle gespielt Die Sorge um die rituelle Reinheit oder vielmehr die Angst vor der rituellen Unreinheit und ihren Folgen beherrscht die Gemüter. Vieles, was wir heute in das Gebiet der Medizin verweisen, Krankheiten und Krankheitserscheinungen aller Art, fallen unter den Gesichtspunkt der Unreinheit und gehören damit in das Gebiet des Kultus und der Priester. Wohl hatte man Ärzte, und die ärztliche Kunst war nicht gering; Chirurgen, Augenärzte und Zahnärzte kannte auch schon der alte Orient Aber daneben war doch die Behandlung besonders der innerlich Kranken, d, L der Unreinen durch die Priester weit verbreitet,, und zwar bis in die höchsten Gesellschaftsschichten. Das hatte darin seinen Grund, daß diese Krankheiten zurückgeführt wurden auf die Wirksamkeit böser Geister oder Dämonen männlichen und weiblichen Geschlechts. Und der Glaube an sie war über das ganze östliche Mittelmeergebiet verbreitet Solche Pest- und Krankheitsdämonen kennt auch das A. T. Manche von diesen Unholden wie Asasel und Lilith, um nur sie zu nennen, sind uns sogar dem Namen nach bekannt Wie in Babylon und in Ägypten der Beschwörungspriester solchen Feinden des Menschen mit Zauberspruch und Kultusbehandlung entgegentritt, so behandelt in Israel der Priester z. B. die verschiedenartigen Fälle von Aussatz an Menschen, an Kleidern, an Häusern. In das Gebiet des Kultus gehören aber nicht allein diese Fälle von Abwehr menschlicher Not Der Kultus hat auch eine positive Seite, die der Verehrung 628