Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Israel und die Kultur des alten Vorderasien
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 627 (sequence 3)
- Language
- German
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Israel und die Kultur des alten Vorderasien tischen Sinuheromans. Einen starken kulturellen Aufschwung, m. a. W. ein beträchtliches Hineinwachsen in die Kultur Kanaans bringt alsdann die Königszeil. Nicht nur die Aussagen des A T., auch die Ausgrabungen, die z. Zt in Palästina mit großem Eifer betrieben werden, geben uns durch ihre Steinmauern und Tonscherben ein konkretes Bild davon. Wir können uns heute doch eine ganz anschauliche Vorstellung machen von der Vaterstadt Sauls auf dem tellel-fül und der Residenz Davids auf dem südlichen Teile des Zionberges, von der Stadtmauer von Jericho, von den Palästen und Häusern in den Städten, vom Hausgerät und der ganzen damaligen Lebensgestaltung. Der Burg- und Tempelbau Salomos, der Thron des Königs, verschiedene Kultusgeräte des Heiligtums, die Ausschmückung seines Innern: sie zeigen, wie stark die materielle Kultur Vorderasiens und Ägyptens durch Vermittlung der Kanaanäer in Israel Eingang gefunden hat. Und nicht nur die materielle Kultur; um nichts weniger auch die geistige. Um hier vorläufig nur eines herauszugreifen: die Israeliten lernten die Sprache Kanaans. Wohl haben sie vorher einen dieser Sprache verwandten Dialekt gesprochen, jetzt aber übernahmen sie die Sprache der Besiegten, einen semitischen Dialekt, den das A T. selbst zutreffend als „die Lippe (= Sprache) Kanaans" bezeichnet. Und mit der Sprache übernahmen sie zugleich Schrift und Schrifttum. Der alte Orient ist immer sehr schreibselig gewesen. In Israel war das nicht anders. Das A T. setzt die Kunst des Lesens und Schreibens seit den Tagen des Moses als selbstverständlich voraus, und geschrieben wird im A. T. aus den verschiedensten Anlässen und bei den mannigfachsten Gelegenheiten. Für die prophetische Zeit, 8. Jahrhundert, vieDeicht auch schon früher, dürfen wir regelrechte Schulen in Jerusalem und andern Orten annehmen, in welchen Lesen und Schreiben u. a. gelehrt worden ist Überraschend ist es ja nun, daß wir bis heute kaum israelitische Inschriften besitzen. Die Ausgrabungen haben in dieser Hinsicht bisher bitter enttäuscht Außer kleinen, historisch bedeutungslosen Legenden auf Siegeln, Tonscherben und Krughenkeln kennen wir bisher nur eine, durch den Zufall ans Tageslicht gebrachte israelitische Inschrift, die bekannte Siloah-Inschrift, etwa aus der Zeit des Propheten Jesaias. Dieses bedauerliche Fehlen von Inschriften ist aber nicht so zu erklären, als ob man in Israel, abweichend von allen Nachbarvölkern, keine Inschriften gesetzt habe, sondern es hat seinen durchaus zureichenden Grund einmal in den Kriegsstürmen, die über das Land hingegangen sind, und in den Erdbeben, die es heimgesucht haben. Zudem ist das Material zu berücksich- 627