Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 615 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Verständnis Bialiks erweckt eine ganze Parallele. — Und ein andermal, als Bialik die Leere und abgeleierte Gewohnheit des ermüdeten Gebetes schildern will, gebraucht er die Worte: „Nur ihre Lippen bewegen sich noch". Das ist natürlich im einfachen Sinn für jeden verständlich; die ganze schmerzliche Tiefe dieser Ironie erfaßt aber doch nur der, dem einfällt, daß im ersten Kapitel des ersten Buches Samuel das edle Gebet der Hannah, das der beamtete Priester Eli so gröblich mißversteht und für das Lallen einer Betrunkenen hält, eben mit diesen Worten: „Nur ihre Lippen bewegen sich" charakterisiert wird. Und nicht genug: man muß auch noch hinzurechnen, daß die Tradition gerade von jenem stillen Gebet der Hannah her unsere Vorschrift abgelernt hat, das Hauptgebet, das der 18 Segenssprüche, leise zu sprechen. Erst unter all diesen Voraussetzungen versteht man den ganzen kleinen theologischen Traktat, der in der Wahl gerade dieses Zitates an dieser Stelle enthalten ist, eines Traktates von der Ertötung des Gebetes durch seine Gesetzlichkeit, die selbst dann eintrete, wenn die ursprüngliche halachische Festlegung aus einem lebendigen religiösen Protest gegen eine vorangehende Orthodoxie (die des Priesters Eli) erwachsen ist1) Zusammenfassend wird man sagen dürfen, daß nicht nur, wie E. M. L i p - schütz sagt2), dieser einzige Mensch Bialik „ein ganzes Wörterbuch dem Leben wiedergegeben" habe, sondern daß er auch eine ganze Literatur, mit all ihren inhaltlichen Assoziationen, in das moderne Hebräisch hinüber zu retten suchte. In dem für seine Sprachphilosophie grundsätzlichen Essay „Offenbarung und Verhüllung der Sprache" entwickelt Bialik etwa die folgenden Gedanken: Die Geburt jedes Wortes ist eine Art Offenbarung, aber im Gebrauch sinkt es tiefer und tiefer. Trotz dieser pessimistischen Geschichtsphilosophie des Wortes tritt Bialik nicht für Neuschöpfung, sondern für Neuerfüllung der alten Formen ein — durchaus noch im Einklang mit seinem sprachlichen Traditionalismus. Was aber ist nun das Motiv für die Geburt des Wortes? Nach Bialik nicht das gesellige Bedürfnis der Aussprache zwischen zwei Menschen, sondern!) Wir haben es hier mit dem Sprach- und Formproblem zu tun und referieren den Inhalt ohne eigene Stellungnahme. Diese bleibt unseren weiteren (hier nicht mehr wiedergegebenen) Ausführungen vorbehalten. s) In seinem feinsinnigen Essay „Der Stil Ch. N. Bialiks" enthalten in „Vom lebendigen Hebräisch" (Berlin, 1920). 615