Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 614 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon Intuition, die Augenblickskraft der Eingebung zu bewahren, mag sehr schwer sein — und läßt man wieder solche Vorsicht nicht walten, so mögen zwar Reime entstehen, aber kein hebräisches Gedicht In solcher, mit anderen Sprachen ganz unvergleichbaren, Schwierigkeit steht Bialik und — bleibt Sieger. Seine schönsten Verse haben die Flugkraft und die Schwere zugleich. Freilich sind sie eben, fast immer, schwer. Ohne Kenntnis der jüdischen Tradition und ihrer Sprache versteht man sie einfach nicht, oder versteht doch einen geheimen Nebensinn nicht, der dem Dichter manchmal wichtiger ist als der offen ausgesagte. Selbstverständlich sind alle redensartlichen Wendungen der uns entfremdeten hebräischen Phraseologie entnommen. So endet z. B. die „Geisterstunde" nicht um i Uhr, sondern „wenn der Morgenhahn kräht" und zum ersten Segenspruch des Tages ruft. Aber es gibt größere Schwierigkeiten: Bialik verwendet Worte, die nur ein einziges Mal in der Bibel vorkommen, und andere, die nur unter der Voraussetzung einer ganz bestimmten Deutung in seinem Zusammenhang verständlich werden. Gelegentlich setzt er sich über die von der ältesten Bibelwissenschaft, der jüdischen Massora, unter dem Text angebrachten und fast allgemein anerkannten Lesarten hinweg und bringt ein Wort so, wie es geschrieben steht, nicht so, wie es gelesen werden soll. Einmal charakterisiert er einen Pakt mit den Worten: „Bedingung der Söhne Gads und Rubens", was kein Mensch versteht, der nicht weiß, daß in der Mischna (Kidduschim, III, 4) der Vertrag Mosis mit diesen beiden Stämmen als das Vorbild jedes gültigen Vertrages aufgefaßt wird. Und oft sind seine Andeutungen noch viel feiner und verborgener. Zwei Beispiele: Bei der Schilderung des „Mathmid", jenes asketisch abgeschlossenen und hingegebenen Talmudjüngers, variiert er einmal einen öfter auftretenden Refrain in der Weise, daß er die Worte „----der Jüngling, der sich mit der Thorah befaßt" in den Ausdruck „----, der sich an die Thorah hängt" umwandelt Die hebräische Phrase „hachoschek bathora" ruft nun sofort die Assoziation an eine bestimmte talmudische Gestalt wach, an Ben Asai, der, gegen Vorschrift und Übung, zum Erstaunen seiner Lehrer, Genossen und Schüler, unverheiratet blieb, und, zur Rede gestellt, die Antwort gab: „.....Napbschi chaschka bathora" — „Meine Seele hingsichandie Thora". (Jeb. 63b.) Dieses eine Wort also (Gedichte, Essays, Novellen, Übersetzungen des Wilhelm Teil und Don Quichote) zugänglich. S/erlag der Buchhandlung Wahrmann, Frankfurt a. M.) Eine vortreffliche deutsche berselzung des Essays erschien vor kurzem im „Jüdischen Verlag", Berlin. 614