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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 613

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Zum Verständnis Bialiks
Date
1925-12-01
Page
613 (sequence 8)
Language
German
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Zum Verständnis Bialiks vor ihm war, auf der einen Seite — und dem vogelfreien, an keinerlei historische Voraussetzungen gebundenen „Neuhebräisch" der palästinensischen Straße und mancher Zeitungen auf der anderen Seite, das Neubildungen scnaffl — manchmal wenigstens im Anschluß an das stammverwandte Arabisch, manchmal ganz wild —, wo es gute alte Ausdrücke gibt, die man kennen zu lernen aber verabsäumt hat, und das unser altes hohes Kulturgut zu einer levantischen Mischung herabzuwürdigen droht Bialiks Sprache dagegen hat Tradition und Freiheit, und ist also nicht mehr von dem Affekt des Traditionshasses getrübt. In diesem Bezirk ist er „frei, auch von dem Rausch der Freiheit", wie er einmal seinen jüngeren Genossen nachgerühmt hat Die Kernschwierigkeit für den hebräischen Dichter aber liegt noch anderswo: im Gegensatz des Kommentars zur freien Produktivität Wir Juden sind kein „Volk der Bücher", sondern das Gegenteil: das Volk des Buches, des einen, der Bibel nämlich — und da wir ja doch tatsächlich sehr viel Bücher haben, so sind diese nicht recht eigentlich „Literatur", keine selbständigen Schöpfungen, sondern Kommentare zu dem einen Buch: Midraschim, Mischna, Sohar zur Bibel, die Gemara ein Kommentar zur Mischna, der Schulchan-Aruch im Grunde wieder ein Kommentar zum Talmud, und die Kommentare zum Schulchan-Aruch letzten Endes also, zurück die lange Kette, Kommentare zur Bibel selbst Aber auch die anscheinend selbständigen Schöpfungen — Philosophie und Dichtkunst — tragen viel stärker kommentatorischen Charakter, als man meinen sollte. Des Denkers Rechtfertigung ist der Bibelvers, sein Gegenstand ist das Gesetz — und die Sprache der Dichtkunst ist belastet von der ganzen Geschichte des hebräischen Wortes, das sie gerade gebraucht Alle Nuancen, die es auf seinem langen Wege von seiner Entstehung oder Rezeption an, durch all die Kommentare, bis hin zum Dichter erhallen hat, trägt es mit sich — und er fügt nun seine Nuance hinzu. Die „Mcliza" hatte das Wort traditionslos verwandelt und verfälscht, das schlechte Neuhebräisch läßt es ebenso traditionslos in der Ecke stehen: der echte hebräische Dichter, der nicht nur ein Künstler, der ein Kenner und Gelehrter der Sprache sein muß, nimmt es behutsam mit all seinem historischen Ballast auf und setzt es vorsichtig in den neuen Zusammenhang hinein; er „entbindet" gleichsam die Sprache.1) Dabei den Schwung der dichterischen v) So drückt Bialik sich selber in dem Essay „Geburtswehen der Sprache" aus. Die Essays sind für den hebräischen Leser in der ganz wundervoll gedruckten, mit Budkqschen Bildern geschmückten, vierbändigen Gesamtausgabe der Werke Bialiks 613

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