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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 612

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Zum Verständnis Bialiks
Date
1925-12-01
Page
612 (sequence 7)
Language
German
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Ernst Simon und auch die hebräische Aufklärung stand in ähnlicher Position, freilich nicht ausdrücklich in ihrer Theorie; sondern — und dies ist für die Änderung der Geschichtszeiten etwas überaus Bezeichnendes — durch ihre Sprache. Sie verwarf, die Gesamtentwicklung des Hebräischen seit den letzten Büchern des Alten Testaments, verbot sich den gesamten Wortschatz der Midraschim, Talmude und späterer Zeiten ebenso wie deren syntaktische Neuerungen, und veisuchte mit dem Vokabularium und Satzbau der Bibel ihre gesamten sprachlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Dies sprachliche Karäertum zeigt ebenso wie das halachische die tiefe Paradoxie jeder jüdischen Reform, die reaktionär werden muß, da sie, allerdings meist durch Mitschuld der Orthodoxie, den ursprünglich fortschrittlichen, ja revolutionären Charakter des Gesetzes, insbesondere der mündlichen Lehre, verkennt und — als von ihrem Gegensatz bestimmte Abwehrbewegung — statt historischer Entfaltung die utopische Umkehr zum Urzustand fordert und zu verwirklichen sucht. Aus dem sprachlichen Gebiet führte dieser Bibel-Purismus nun zu derselben merkwürdigen Erscheinung, der auch die Karäer nicht hatten entgehen können: statt der verworfenen, bisherigen mündlichen Lehre, erstand ihnen, ohne daß sie es merkten, eine neue — da die Worte der Schrift ohne jede Deutung entweder völlig unverständlich, oder unbestimmt, oder in veränderten Zeilen schlechthin unanwendbar waren. Sprachlich bedeutet dies: biblische Redensarten wurden in einen völlig neuen Zusammenhang versetzt, erhielten einen veränderten Sinn, eine neue Färbung. Statt neuer Worte für neue Begriffe hatte man nun alte Worte mit neuen Deutungen. Aus der Not wurde bald eine Tugend: man gefiel sich in der möglichst befremdenden, „modernen" Anwendung des Bibelverses, der zugleich als Schablone für alle Natureindrücke usw. dienen mußte, da man sich ja der eigenen Formung begeben hatte. Der Stil der „Meliza" war gebore n.1) Er hat die hebräische Literatur bis zum Auftreten Bialiks beherrscht, das ohne seine Darstellung nicht in voller Bedeutung gewürdigt werden kann. Bialik ist der erste hebräische Dichter, der der Sprache wieder ohne jedes Dogma gegenübersteht; d. h. erst unter seinen Händen ist sie wahrhaft wieder lebendig geworden. Er steht in der rechten Mitte zwischen zwei Gefahrquellen für die Würde und Reinheit des Hebräischen: der „Meliza", die „Meliza" heißt Rätsel, Andeutung, Gleichnisrede und bezeichnet eben jenen, im Text charakterisierten, Stil, der alle Eindrücke nur durch den Schleier des Bibelvcrses hindurch, aufnehmen und wiedergeben kann. 612

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