Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 611 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Verständnis Bialiks im täglichen Leben jiddisch. Die Wahl des Hebräischen selber schon war Absage an den alten Geist, war Rebellion — und sie ist das schon vor Bialik gewesen. Ursprünglich allerdings war die jüdische Lyrik hebräisch und ist es sogar in den Zeiten geblieben, in denen die Sprache des Volkes aramäisch', arabisch oder jiddisch war. Nicht nur die Psalmen, auch die religiösen Hymnen der Geonim im 8. und 9. Jahrhundert, die synagogalen Gesänge Kalirs und der Späteren, die Gedichte der sonst arabisch schreibenden spanisch-jüdischen Sänger: Gabirol, Jehuda Halevy, Abraham Jbn Esra usw. waren in hebräischer Sprache abgefaßt Auch heute gibt es, bezeichnenderweise, zwar eine jiddische Epik, Dramatik und Essayistik, aber — außer Volksliedern — keine eigentliche jiddische Lyrik. Diese lebt wahrhaft nur im Hebräischen. Und doch war es ein revolutionärer Akt, als zu Beginn und um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Männer der hebräischen Aufklärung, der sogenannten Haskala, nach längerer Pause wieder Hebräisch zu dichten begannen. Der bedeutendste dieser Autoren, Jehuda Leib Gordon, stellt Inhalt und Sprachform dieser, Bialik unmittelbar vorangehenden, Periode am deutlichsten in seiner Person dar. Sein wichtigstes Gedicht „Das Häkchen des Jud" schildert, wie eine Frau nur deshalb in tiefes Unglück kommt, weil in ihrem Scheidebrief ein Häkchen an dem hebräischen Buchstaben Jud in ihrem Namen fehlt, wodurch die. Scheidung ungültig wird. Da ihr Mann nicht mehr aufzufinden ist, um einen neuen, gültigen Scheidebrief zu geben, bleibt sie nach dem formalen Rechtspruch der Rabbinen an ihn gebunden und kann einen anderen, den sie liebt, nicht heiraten. Dies eine Beispiel genüge für dieses ganze Geschlecht der Auflehnung gegen eine Gerichtsbarkeit, die imstande schien, aus formellen Bedenken das Unglück eines Menschenlebens herbeizuführen, und die sich immer aus dem Wortlaut des Bibelverses zu rechtfertigen suchte, obwohl die Unzahl der Deutungen und Hineininterpretierungen dessen wirklichen Sinn längst verfälscht, mitunter in sein Gegenteil verkehrt hatte. Jede jüdische Rebellion hat im Grunde das Gesicht der karäischen, jener jüdischen Sekte, die vom 8. Jahrhundert ab auftrat, die gesamte mündliche Lehre, also die Deutung der schriftlichen (der Bibel) in Midrasch und Talmud ableugnete und sich deshalb „Keraim", Karäer, Lesende (nämlich die Schrift Lesende, die Deutung nicht Hörende) nannte. Uriel D'Acosta kam in seiner Ketzerei zu den gleichen Forderungen — und sogar ohne von seinen Vorgangern zu wissen — 611