Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 610 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon Seit diesem Tage steht Bialik praktisch außerhalb des Gesetzes, völlig außerhalb. Theoretisch trat er nie ganz heraus — wir sehen das noch genauer — sondern blieb „Auf der Schwelle des Lehrhauses"x) stehen. Dieser Schritt machte ihn zum Dichter — und auch, als er längst getan war, wirkte er noch in sein gesamtes Werk hinein. Er kam nach Odessa, fand dort — nach den talmudischen — zwei literarische Lehrer: Achad Haam, den strengen Meister, der die junge zionistische Bewegung — auch Bialik schloß sich ihr an — immer wieder von der Propaganda auf die palästinensische Realität, von der Diplomatie auf die Erweckung der jüdischen Herzen zu lenken suchte, und Mendele Mocher Sforim, den ersten wirklichen Dichter der neuhebräischen Literatur, Meister zugleich der jiddischen Erzählungskunst, den „Großvater" der ganzen literarischen Bewegung, Schöpfer einer ganz neuen hebräischen Sprachperiode (die dem Jiddischen zugewandt war) und größten Epiker des ostjüdischen Volkes. Über beider Einfluß auf Bialik wird noch im Einzelnen zu reden sein — hier genüge die Feststellung, daß im Volke der Tradition auch der Dichter eigentliche Lehrer braucht und hat, in viel strengerem Sinne Lehrer, als das etwa Merck und Herder für Goethe waren. Bialik ließ sich an seinem jungen, großen Ruhm nicht genügen, den eine verhältnismäßig kurze Zeit — etwa zehn Jahre — intensiver dichterischer Produktivität begründet hatte. Geschäftliche Tätigkeit, teils als Holzhändler, teils als Organisator jüdischer Bildung: als hebräischer Verlagsbuchhändler, umfangreiche Reisen und eifriges Selbststudium füllten den — inzwischen Vermählten — aus, bis Krieg und Revolution seinem Aufenthalt in Odessa ein Ende machten. Eine Wanderfahrt begann, die eine längere Station in Deutschland brachte — wo sein 5o. Geburtstag Anlaß allgemeiner jüdischer Verehrungskundgebungen wurde — und in Palästina ihr Ende nahm. Jetzt lebt der Dichter in eigenem Hause in Tel-Awiw. Verhältnis zur Sprache Die Entscheidung zum Hebräischen als lebender Sprache und die Trennung von der Welt der Jeschiwah — dies war ein und derselbe Schritt Die Orthodoxie alten Schlags verstand den Begriff der „heiligen Sprache" dahin, daß ihre allgemeine Anwendung verboten sei Diese Kreise — in Bialiks Jugend noch die ungeheure Majorität — sprachen und schrieben also 1) Titel ainer seiner schönsten Gedichte 610