Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 609 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Zum Verständnis Bialiks punktion darstellt Der Niggun ist ebenso (gegenständ der Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht wie diese ganze „mündliche Lehre" selber, deren integrierender Bestandteil er ist Auch Wörterbücher und Konkordanzen fehlen fast gänzlich. An ihrer Stelle hat der jüdische Lehrbetrieb — schon in talmudischer Zeit selbst — immer wieder zahlreiche Menschen hervorgebracht, lebende Lexika, die den gesamten Stoff auswendig beherrschen und auf diese Weise alle Hilfsmittel überflüssig machen- Das höchste Bildungsideal liegt in der Vereinigung pilpulistischen Scharfsinnes mit allseitiger Belesenheit in dieser ganzen, ungeheuer umfangreichen Literatur. Es ist oft genug erreicht worden, auch noch in der Neuzeit, aber natürlich nur auf Kosten anderer Dinge: auf Kosten der profanen Bildung nicht nur, sondern auch der Kenntnis der prophetischen und philosophischen Schriften des Alten Testamentes — die in Ungarn teilweise geradezu verboten waren — der späteren jüdischen philosophischen und poetischen Literatur und selbstverständlich des modernen Hebräisch. Man mußte ein „Mathmid"1) ein beständig auf das Talmudstudium conzentrierter Mensch werden, um das Bildungsziel zu erreichen, das im Wissen an und für sich gipfelte und nur sehr selten in dem Streben, Rabbiner zu werden. Ein solcher „Mathmid" ist Bialik viele Jahre hindurch gewesen und hat in ihnen sein sehr bedeutendes jüdisches Wissen gesammelt, bis dann, offenbar etwa in seinem achtzehnten Lebensjahre, der Umschwung eintrat Äußerlich mag seine Entfernung aus der Jeschiwah mit einem der Gründe zusammengehangen haben, die im „Mathmid" als Motive für den Ausschluß aufgezeichnet werden: Karten spielen, abends mit Mädchen sprechen, am Sabbath rauchend angetroffen werden, heimlich den „Führer, der Verirrten" des Maimonides lesen — all dies ist gleich schlimm, gleich unvereinbar mit dem Jeschiwahleben. Innerlich war es so: daß die Natur, die Liebe, die Welt der europäischen und der hebräischen Kultur auf Bialik (wie auf tausende seiner Altersgenossen) als Verführer wirkten: sie brachen aus. Die Thorah, ursprünglich „das Haus unseres Lebens" und „ein Baum des Lebens für alle, die an ihr festhalten", war immer mehr in Gegensatz zum „Leben" getreten. Und als der Zusammenstoß nicht mehr zu vermeiden war, siegte die Außenwelt — das Lehrhaus wurde verlassen und ward öde. i) Berühmtes Bialiksches Gedicht 609