Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 608 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon Tradition „mündliche Lehre" genannt — wird in den talmudischen Hochschulen nun fortgesetzt Ihr Gegenstand ist das Gesetz, Aveniger seinen Prinzipien nach, als in seine Verzweigungen hinein, die durch die Einbeziehung immer weiterer Gebiete des fortschreitenden und neuer halachischer Regelung bedürftigen Lebens notwendig geworden sind. Man könnte vergleichsweise von juristischen Bestrebungen sprechen, wenn nur nicht dieses jüdische Recht alle Lebensbeziehungen — Essen, Beruf, Ehe, Kleidung, Pfandrecht, Sabbalh usw. — mit gleicher Würdigkeit in seinen Kreis zöge und eben daher auch nicht die Sache eines Gelehrtenstandes, sondern religiöse Pflicht und Lieblingsbeschäftigung des ganzen Volkes wäre. Immerhin: wenn auch nicht um „Jura", um „Gesetz" handelt es sich denn doch — und jede Gesetzlichkeit drängt ihrer Natur nach auf ein Rechtssystem hin. Auch die talmüdische — aber der entgegengesetzte Drang und Zwang, ihre Systeme wieder aufzulösen, ist stärker — und verwandelt die vorhandenen Kodifikationen des jeweils geltenden Rechtes (Maimonides, Schulc^an Aruch usw.) durch neue abändernde Kommentare wieder in die Gestalt der Diskussion zurück. Der talmudische Lehrstreit ist also noch immer nicht beendet; in der Jeschiwah wird er fortgesetzt, und dort schafft er sich dann auch ein System eigener Art, das freilig häufig zum Selbstzweck mißbraucht wurde: den sogenannten Pilpul. Der versucht, in häufig künstlicher und gezwungener Weise, dasselbe zu leisten, was auch das europäische System leistet: nämlich alle Einzelheiten in ihrem Einheitsbezug und Gesamtzusammenhang herauszustellen. Der Pilpul (zu deutsch: Pfeffer, d. h. Scharfsinn) schlägt Brücken von einer Talmudstelle zur entfernten anderen, kombiniert neue Zusammenhänge und zerstört bisherige, schafft Begründungen und wirft Schwierigkeiten auf, und erweist immer wieder den kontinuierlichen Zusammenhang zwischen Bibelwort und letzter Entscheidung. Er ist gleichsam ein beweglicher und veränderlicher Codex. In ganz paralleler Weise gibt es innerhalb dieses „Lernens" Ersatz für die völlig fehlenden Hilfsmittel wissenschaftlicher Art Die mangelnde Beherrschung der Sprache, insbesondere der Grammatik des Hebräischen und Aramäischen, sowie die Tatsache, daß die gesamte hebräische Literatur, außer der Bibel, ohne Vokalzeichen und meist auch ohne jede Interpunktion gedruckt ist, wird durch den talmudischen Singsang, den sogenannten „Niggun" ersetzt, der Frage und Antwort, Haupt- und Nebensache eindeutig unterscheidet und so eine akustische Inter- 608