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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 607

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Zum Verständnis Bialiks
Date
1925-12-01
Page
607 (sequence 2)
Language
German
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Ernst Simon: Zum Verständnis Bialiks zurück. Nun hielt die allerbitterste Not ihren Einzug in das kleine Haus, in dem bisher unmerhin eine dürftige Genügsamkeit geherrscht halte. Hunger, Kälte, Enge, Sorge um das Nötigste wurden die täglichen Begleiter der Familie. Diese Jahre haben dem Knaben für immer ihren Stempel aufgedrückt — er vergaß sie nie mehr: für den melancholischen Grundton seiner Lyrik und ihre Richtung auf das Soziale hin sind jene frühen Jugenderlebnisse bestimmend gewesen. Der Schulbesuch gestaltete sich ebenfalls in der üblichen Weise: zuerst der „Cheder" (zu deutsch: Zimmer, Kleinkinder schule) mit einem besonders rohen und ungeschickten Lehrer, viel Prügel, wenig Wissen, das hebräische Alphabet, — „Flüche, Schläge, Häßlichkeit, Schmutz und Ekel", wie Bialik selber es geschildert hat1) Später ein besserer Lehrer, und als Gegenstände: der Pentateuch mit dem Kommentar Raschis, die Psalmen und andere, ausschließlich religiöse Bücher. Einige Zeit nach dem Tode des Vaters kommt der Siebenjährige zu dem 73jährigen Großvater, flieht wieder zur Mutter, wird zurückgebracht und — hier reißen die autobiographischen Mitteilungen in Prosa oder "Vers zunächst ab. Das Weitere muß man erschließen und zusammenstellen. Es ist etwa das Folgende: Nach dem Cheder besuchte Bialik die Jeschiwah zu Woloschin, jene talmudische Hochschule, auf der der Jüngling in die eigentümliche Dialektik der halachischen Diskussion2) tief eingeführt wurde und die er als Mann in einigen seiner Meistergedichte unvergänglich geschildert hat Um das Wesen dieser Lehrstätten zu verstehen, muß man sich zunächst zum Bewußtsein bringen, daß Mischna und Talmud selbst keine Sammlungen von systematischen Abhandlungen, sondern Sammlungen von Diskussionsprotokollen und deren Kommentaren sind. Diese Diskussion —in der Sprache der x) In Erinnerungssplittern, die unter dem Titel „Der Morgen meines Lebens" zuerst in der hebräischen Wochenschrift „Ha 0!am" und dann deutsch in der Monatsschrift „Der Jude", 1923, erschienen sind. Die übrigen Daten verdanke ich der Einleitung Ernst Müllers zu seiner deutschen Übersetzung der „Ausgewählten Gedichte" Bialiks. (R. Löwit Verlag, Wien und Leipzig, 1922.) Das Buch kann zur ersten Iünführung warm empfohlen werden. 2) Unter „Halacha" versteht man zunächst die gesetzlichen, unter „Haggada" die erzählenden Bestandteile des jüdischen Schrifttums, insbesondere des Talmuds. Diese beiden Formen sind aber keineswegs in verschiedene Bücher oder auch nur Abschnitte auseinander gelegt, sondern eng ineinander verwebt: oft im gleichen Satz oder Ausspruch zu unlöslicher Einheit verbunden. Gerade dies Ineinander ist eines der charakteristischsten Merkmale des Talmuds. Später bezeichnet „Halacha" das geltende Gesetz. 607

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