Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Zum Verständnis Bialiks
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 606 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Verständnis Bialiks Aus einer größeren Arbeit über den Dichter Von Ernst Simon Das Leben Bialik wurde im Januar 1878, in Radi, einem kleinen Dorf in der Nähe von Z y t o m i r, geboren. Sein Geburlsort liegt im südwestlichen Rußland, nahe der Grenze zwischen der Ukraina und Wolynien. Das Land ist von ganz besonderer Naturschönheit und Fruchtbarkeit; die Juden lebten vor 5o Jahren dort, wie fast überall im Osten, in halbfreiwilligen Ghettis, sich von aller geistigen Berührung mit der Bildung Europas starr absperrend, ganz der praktischen und theoretischen Pflege des Religionsgesetzes hingegeben und beruflich zum größten Teile als Händler oder als Schankwirte tätig. Der kärgliche Lebensunterhalt ward vielfach von den Frauen erworben, um den Männern Zeit und Ruhe für das „Lernen" der talmudischen Disziplinen zu lassen. Immerhin ist dieses traditionelle Bild des „Ostjuden" — überhaupt eine dilettantisch verallgemeinernde Bezeichnung! — durch zwei Besonderheiten gerade dieses Volksteiles zu ergänzen, die für Bialiks spätere Entwicklung von Einfluß waren: in dieser Gegend gibt es jüdische Bauern und somit auch bei den andern eine gewisse Naturnähe, und ungefähr hier hat — im Zusammenhang mit der eben genannten Eigentümlichkeit — Israel Baal Schern tob die Bewegung des Chassidismus begründet, der das Gesetzesjudentum, unter Beibehaltung seines halachischen Charakters, durch unmittelbare Nalurbeziehung, individuelle Frömmigkeit und mystisch-ekstatische Freude an der religiösen Pflichttat neu zu beseelen suchte. Bialiks Eltern waren arme, kleinbürgerliche Leute — der Vater, ein geringer Schankwirt, starb früh und ließ die Witwe mit drei unmündigen Kindern 606