Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 603 (sequence 10)
- Language
- German
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Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums scbaftlichen Grunde wurzeln. Das naturale Element überwindet im 19. Jahrhundert wieder das historisch-soziologische der Aufklärungszeit Damit aber rückt ein Gemeinschaftsbegriff in den Vordergrund, demgegenüber der Jude in die Stellung des Outsiders gezwungen wird: der naturalistisch-biologische. Auch nach dem naturalistisch-geographischen Unterscheidungsmerkmal erscheint er trotz fast 2000jähriger Eingesessenheit dem öffentlichen Bewußtsein noch immer als „Zugewanderter" von minderem Recht, umsomehr, da ihn die Gesetzgebung lange Jahrhunderte von jedem Bodenerwerb aussperrte, wodurch seine Fremdlingschaft innerhalb des „Wirtsvolkes" lebendig blieb. Dagegen sind, von dem zweiten Gemeinschaftstypus aus gesehen, alle Rezeptions- und vollgültigen Zugehörigkeitsmöglichkeiten vorhanden, oder sie sind im Laufe der geschichtlichen Entwicklung fortwährend hinzugewonnen worden. Freilich muß, wie dargelegt wurde, eine entsprechende Grundhaltung gegeben sein, damit diese Möglichkeiten anerkannt werden, was ausgeschlossen erscheint, wenn sich das Lebensgefühl naturalistisch umfärbt Legt sich das Schwergewicht auf die naturale Zugehörigkeitskomponente, so rückt der Jude zwangsläufig wieder an die Peripherie. Der Appell an die historische Gerechtigkeit, die noch so vollzählige Aufzählung der kulturellen Leistungen des Judentums innerhalb des ihn umschließenden Volkskörpers bleibt gegenüber der naturalistischen Argumentation notwendig ohne Wirkung. Wenn Geistiges ins Physische zurücksinkt, ist eine unüberwindbare Prädestination zum. Antisemitismus ohne weiteres gegeben. Erst wenn die überall wahrnehmbaren Erlahmungserscheinungen seelisch-geistiger Antriebe innerhalb unseres Volkes als überstanden gelten dürfen, wird auch das Judenproblem in eine neue, ihm günstiger gewillte Betrachtungsart einrücken. Das Zusammenbrechen des naturwissenschaftlichen Lebensgefühls (der Naturwissenschaften als Weltanschauungsgrundlage, nicht als wissenschaftlicher Fachdisziplin, wo ihre Blüte weiter andauert), der damit verbundene Rückfall der Spitzenführung an die Geisteswissenschaften eröffnet immerhin einige Möglichkeiten. Doch hat diese Entwicklung bisher keineswegs zu einer Renaissance des naturrechtlich-rationalen Denkens geführt, die auch aus vielen Gründen unwahrscheinlich ist Es muß noch darauf verwiesen werden, daß auch beim ideologischen Gemeinschaftstypus zwei deutlich gegeneinander abgegrenzte und genügend in sich charakterisierte Unlerformen wahrnehmbar sind. Ähnlich wie uns der naturalistische Gemeinschaftstyp in einer naturalistisch-biologischen und einer naturalistisch-geographischen Variante entgegentrat, kann hier ein Unterschied 603 38