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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 602

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
Date
1925-12-01
Page
602 (sequence 9)
Language
German
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Erik Nölting Freilich ist die Fälligkeit der hier gemeinten Einfühlung und Verschmelzung gebunden an ein Teilhaben am Geist Bei Walther Cale, dem Frühvollendeten, findet sich die feinsinnige Bemerkung, daß erst eine gewisse Technik im Zusammenleben der Geschlechter erreicht sein müsse, damit das spezifisch Seelische aus solchen Verhaltnissen herausgelöst werden könne und Freundschaft zwischen den Geschlechtern möglich sei. Und er setzt hinzu: Dienstmädchen und Soldaten verlieben sich immer. So kann auch nur auf der Grundlage einer gesicherten und distinguierten Persönlichkeitskultur die rudimentäre Gegensätzlichkeit zu allen Andersartigen hinweggeschmolzen werden. Geistesarmut prädestiniert zum Fremdenhaß. Wer nicht gewohnt ist, auf geistigen Graten zu schreiten, wem Geistiges sogleich immer in Physisches zurücksinkt, ist dieser Form von Vergemeinschaftung unfähig und abgeneigt Er wird genau so zwangsläufig in rüden Fremdenhaß geworfen, wie sich eine kulturgesättigte Vaterlandsliebe für ihn zum aggressiven Heü-dir-im-Siegerkranz-Patriotismus verballhornen wird.*) Die letzten Ausführungen legen eine Anwendung auf die Judenfrage nahe. Denn offenbar muß der Antisemitismus eine Verschärfung bezw. Entspannung erfahren, je nachdem welcher Gemeinschaftstypus als vorherrschend anzusehen ist Darum ist der Antisemitismus in der Empfindungswelt des iS. Jahrhunderts ein Fremdkörper. Nicht nur Humanität und Toleranz verbieten ihn, die ihrerseits erst die Resultate und Konsequenzen des Lebensgefühls jener Epoche sind. Vielmehr ist der Antisemitismus bereits grundsätzlich ausgeschlossen durch die Art, mit der die Gemeinschaftszusammenhänge (Nation, Staat, Volk, Menschheit) angesehen werden. Erst als der Nationalismus als Gesinnungsart zurücktritt — als Denkmethode besteht er zunächst noch unbestritten weiter fort, bis ihn neuere wissenschaftliche Strömungen auch auf diesem Felde zu verdrängen versuchen —, als das naturwissenschaftlichK)rganische Lebensgefühl an die Stelle des aufklärerischen tritt, erfährt die Position des Antisemitismus von der Wissenschaft her eine Verstärkung, indem nun auch die sozialen Gebilde und Erscheinungsformen zunehmend naturalistisch-organisch-biologisch aufgefaßt werden. Gegenüber der Humanität ist der Begriff der Nationalität schon biologisch gefärbt, wie alle weiteren, aus diesem Begriff abgeleiteten Denkvorstellungen bis hin zu den imperialistischen (Wille zur Macht, Selbstbehauptungsdrang und Wachstumswille, die ganze darwinistisch gefärbte Selektionslehre usw.) im naturwissen- *) Vgl. den Aufsatz des Verfassers in JNr. 3o der C. V .-Zeitung vom 26. Juli 1933. 602

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