Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 599 (sequence 6)
- Language
- German
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Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnimg des Judentums sie hergestellten Gemeinschaftsverbindung ist substantiell, nicht funktionellaktivistisch, ist ein Zustand und kein Prozeß. Sie ist endlich drittens begrenzt durch feste und prinzipiell unverrückbare Besitzbestande, so daß im Verhältnis zu ihr nur ein Berufensein, nicht aber ein Erwerben in Frage kommt Der Charakter dieser Gemeinschaft schließt alle expansiven Möglichkeiten aus, er kennt grundsätzlich keinen Ausdehnungs-, sondern nur einen Behauptungsdrang, indem er angewiesen ist auf einen bestimmten, nicht erweiterungsfähigen, sondern nur verlustbedrohten Vorrat des gemeinschaftstiftenden Geblüts und auf eine ebenfalls begrenzte Raumausdehnung. Man könnte einwenden, daß hier durch Eroberung und Siedlung ein Hinausschieben der Grenzen möglich erscheint. Aber das hinzuerworbene Gebiet bleibt Kolonialland, das zum Heimatland in einem tief empfundenen und kaum jemals völlig aufhebbaren Gegensatz, steht, ganz abgesehen davon, daß einer Gebietsausdehnung durch den Behauptungsdrang der anderen meist eine unüberwindbare Schranke gesetzt ist Der naturalistisch-possessiv-statische Charakter der hier zur Rede stehenden Gemeinschaften bewirkt einen exklusiven, allem nicht von vornherein Zugehöriger feindselig abgewandten und tief mißtrauenden introspektiven Hang. Es ist offenbar, daß diese Art der Betrachtung von Gemeinschaftsgebilden die dem 19. Jahrhundert vorwiegend eigentümliche ist; und die bis jetzt für das 20. Jahrhundert vorliegenden Erfahrungen lassen darauf schließen, daß die hier maßgebliche Grundeinstellung sich aller Wahrscheinlichkeit nach zunächst fortsetzen und weiter verschärfen wird. Seit der Romantik, die daä 19. Jahrhundert von dem voraufgehenden 18. Jahrhundert abhebt, ist eine bis zur äffektmäßigen Überbetonung gesteigerte Wertschätzung der blutsmäßigen durch das Moment gemeinsamer Abstammung bewirkten Einimg bemerkbar, mit der sich eine oft an Fetischismus reichende schwärmerische Verehrung des vaterländischen Bodens in natürlicher Weise paart Man braucht nur flüchtig den Fuß in das 18. Jahrhundert zurückzusetzen, um sogleich die dort herrschende, völlig anders geartete Empfindungswelt zu verspüren. Zwar bietet der Individualismus die gemeinsame Grundlage. Aber der Individualismus des 19. Jahrhunderls ist aristokratisch auf Eigennuancen und Sondertönung gerichtet, während der Individualismus des 18. Jahrhunderts demokratisch und universell gewandt ist Ist dort Exklusivität, so ist hier Humanität die Seinsgrundlage. Über aller Verschiedenheit und allen auseinandertretenden Verzweigungen wird im letzten Grunde ein hohes Einssein nicht nur vorgestellt, sondern auch ehrfürchtig empfunden. Überall wird ein durch das Moment 599