Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 597 (sequence 4)
- Language
- German
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Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums •während das Blut auch auf ferne Wanderzüge und in die Fremdheit des Exils mitgetragen wird. Zwar droht in der Fremde die aufgesuchte oder aufger zwungene Gefahr der Vermischung, der jede zu höheren kulturellen Daseinsformen aufsteigende Menschenschicht auf die Dauer erliegt Aber die auf Vorstellungen gemeinsamer Blutzusammensetzung beruhenden Abstammungsmylhen, die in wuchernder Fülle überall hervorbrechen, verdunkeln die Klarheit geschichtlicher Erkenntnis und ersetzen im Subjektiven, was objektiv verloren geht Noch der in einer anderen als der naturhaften Sphäre erwachsene Begriff der Nation weist in seiner Wortwurzel auf die physische Abstammungsgrundlage hin. Wie schon angedeutet wurde, tritt im geschichtlichen Fortgang zum sanguinen Gesellungsprinzip das territoriale. Mit dem Übergang von der okkupatorischen zur produktiven Wirtschaftsführung, d. h. in dem Maße, wie der Mensch von den natürlichen Nahrungsquellen, die er sich aufschließt in der Form von Nahrungssuche, von Sammler- und Beutedasein zur Bewirtschaftung der künstlichen Nahrungsquellen (Viehzucht, Ackerbau und stoffveredelndes Gewerbe) sich anschickt, gewinnt die Dauerbeziehung zum Boden zunehmende Wichtigkeit Der fruchtbare Weideplatz, der ertragreiche Ackergrund, das ergiebige Rohstofflager, die wertvolle Verkehrsader eines Flusses, der windgeschützte Hafenplatz werden nicht mehr mit der sorglosen Unbekümmerlheit von ehedem aufgegeben. Die Psychologie der Seßhaftigkeit verdrängt den zigeunernden Nomadensinn, das feste Wohnhaus ersetzt das unstete Zelt, die Gier nach Fremde wird erdrückt von der Gier nach Besitz. Auch in den Außenverkehr der Horden und Stämme dringt das neue Prinzip ein. War Feind bisher der blutsfremde „Ungenosse", haben Fremdenhaß und Fremdenangst die wandernden Schwärme im magnetischen Anprall gegeneinandergetrieben und voneinander abgebogen, so ist Feind jetzt der an der» Grenzen des befriedeten Besitztums lüstern Lauernde, der Eroberung und Beute plant Aus dem Kampf der Rassen, in dem viel elementare, instinkthafte Wildheit schäumt, noch irrational und ohne profitliche Absicht, entwickelt sich der zweckorientierte Kampf um die Futterplätze. Wo früher Bluthaß schwälte, arglistet jetzt Grenzneid, und oft ist der erste für den zweiten nur der konstruierte bestärkende Vorwand. Zwar wird Nachbarschaft und Gleichblütigkeit zu großen Teilen zunächst noch weiter zusammenfallen, aber der Empfindungsakzent ist von der Einheit des Blutes auf die Einheit des Gebietes hinübergeglilten. Zudem befindet sich die homogene Blutsgrundlage in einer 597