Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 596 (sequence 3)
- Language
- German
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Erik Nölling Unsere Aufgabe wird im vorliegenden Falle vielmehr darin erblickt, in Erwägungen grundsätzlicher Art darzulegen, welches die konstitutiven Merkmale sind, die jeweilig den Begriff der Volksgemeinschaft zusammensetzen, der in der alltäglichen Sprechweise in der mannigfachsten Anwendung und Sinnbezogenheit oft sehr widerspruchsvoll verwandt wird- Die Erörterung des Begriffs und seiner Aufbauelemente soll uns weiterhin die Möglichkeit geben, Stellung zu nehmen zu der Frage, wieweit das Judentum von einer so oder so bestimmten deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen erscheint, bezw. in welchen Grenzen es sich ihr mit voller Berechtigung zuzählen darf. Denn seit, wie oben angedeutet wurde, an der Wende von Aufklärung zu Romantik die Behandlung dieses Themas einsetzte (ein „unendliches" und darum echt romantisches Gespräch), war damit gleichzeitig auch die Judenfrage in neuer Weise als Problem gestellt Denn es mußte jetzt untersucht werden, wie sich in den ethnologisch, historisch oder national-kulturell bestimmten deutschen Volkskomplex das Judentum einfügt, wieweit Wesensverwandtschaft und Assimilationsmöglichkeit, wieweit Wesensfremdheit und unausgleichbare Spannungszustände angenommen werden müssen. Erst aus der Erörterung des Begriffes Volksgemeinschaft ergibt sich jene Form von Antisemitismus, die wir als kulturellen Antisemitismus zu bezeichnen gewohnt sind, um anzudeuten, daß er sich über die Gesamtbreite der kulturellen Lebensformen und Empfindungsinhalle erstreckt, während aller vorangehende Antisemitismus religiöser, ökonomischer und auch ethnographischer Art (sofern er rein biologisch-naturalistisch bleibt) demgegenüber nur Teilaffäre von relativer „Harmlosigkeit" bedeutet. Der primäre, historisch allen anderen vorangehende, gemeinschaftstiftende Faktor ist das Blut Solange das Leben noch nicht so weit von seiner animalischen Basis abgelöst ist, daß die Erfahrungsschätze des geistigen Bewußtseins die Einung herzustellen vermögen, solange der feste Wohnsitz das unaufhaltsame Auseinanderfließen nomadisierender Stämme in die Unendlichkeit der Steppe noch nicht verhindert, kann sich nur mit dem Blut die Empfindung verwandtschaftlicher Artgleichheit verketten. Der auf dem sanguinischen Prinzip beruhende Gemeinschaftszusammenhang ist der solideste und in seiner statischen Beharrlichkeit nicht übertreffbare. Denn mag auch der Boden ein TelaÜY unzerstörbares Dauergut sein, sein Dauercharakter verhindert nicht, daß die von der Wucht des geschichtlichen Prozesses über ihn hinweggepeitschten Menschenschwärme nur flüchtige Gastrollen auf ihm zu geben vermögen, 596