Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 595 (sequence 2)
- Language
- German
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Erik Nölting: Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums. zustand zu fällende Urteilsspruch ist ausschließlich danach zu bemessen, ob die Bindeglieder und Gemeinschaftszusammenhänge eine Verstärkung oder eine Auflockerung erfahren haben. Das bietet der scharf analysierenden Sozialkritik einen völlig neuen Aspekt, denn nun treten progressive Verfallszustände heraus, die einen allgemeinen gesellschaftlichen Erdrutsch unvermeidlich erscheinen lassen, falls nicht eine neuere und solidere Untermauerung des brüchigen Gesellschaftsbaus gelingt „Die Krise wurzelt in der intellektuellen Anarchie, es besteht keine Übereinstimmung über die Grundprinzipien, deren Festigkeit die Grundbedingung wahrer sozialer Ordnung ist" (Comte). Es muß etwas geschehen, das „der erschreckenden revolutionären Verfassung der modernen Gesellschaften ein Ende machen soll", damit die furchtbare Demoralisation und Zerspaltenheit ihr Ende findet Der vorgeschlagene Losungsversuch, die totkranke Gesellschaft durch Entwicklung einer neuen „positiven Wissenschaft" zu heilen, der von nun ab die oberste Leitung der Geister zufällt, kommt hier nicht weiter in Betracht. Doch mag noch vermerkt werden, daß Comte selbst die Unzulänglichkeit dieses Rettungsmittels verspürt, für die sich mit zunehmendem Alter die Sehschärfe steigert So genialisch und umfassend auch die Konzeption dieser neuen, alle Fachwissenschaft durchdringenden und überwindenden positiven Philosophie erscheint, die wie ein unbeirrbares Signallicht über dem wilderregten Ozean der Zeit richtungweisend zu leuchten bestimmt ist, der jedem wissenschaftlichen und eben nur wissenschaftlichen System anhaftende Rationalismus läßt im alternden Comte Zweifel an der Wirksamkeit seines Projektes entstehen. Deshalb beginnt der ausgesprochene Feind jeder Theologie und Metaphysik in seiner Altersperiode Schächte in geistige Bewußtseinsregionen hinabzutreiben, die tiefer sind als alle Vernunft, um von einer Religion, der er den Namen Physizismus beilegt, die, mit der Wissenschaft im Bunde und auf die nährende Kraft des übersinnlichen Mythos verzichtend, doch die Mittel des Ritus und des Symbols nicht verschmäht, den sozialen Kitt zu erlangen, den eine verstandesdürre Wissenschaft niemals zu geben vermag. Uns kann hier nicht daran liegen, in dogmengeschichtlicher Weiterverfolgung der von St Simon und Comte betretenen Gedankengänge aufzuzeigen, wie sich die um die Frage der Volksgemeinschaft angehobene Diskussion bis in unsere Tage hinüberzieht Niemand bezweifelt, daß unsere Gegenwart in philosophischer, sozialer, ökonomischer und politischer Hinsicht von diesem Problemkomplex erfüllter ist, als irgend eine andere Zeit 595