Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 594 (sequence 1)
- Language
- German
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Das Problem der Volksgemeinschaft und die Einordnung des Judentums Von Erik Nölting Wenn „Volksgemeinschaft" nicht mehr als naive Be wußtseinsgegebenhei t, sondern als Problemstellung, als Aufgabe oder bezweifelte Möglichkeit, empfunden wird, ist immer der Beweis erbracht, daß die tatsachliche'Zerklüftung des Volksbodens bereits einen bedrohlichen Grad erreicht hat Solange noch die Einheitlichkeit des Wurzelstocks als unversehrt gelten darf, mag sich im üchtwärts schießenden Geäst eine verwirrende Mannigfaltigkeit in heiterer Unbesorgtheit leicht entfalten. Zeiten mit starker natürlicher Gemeinschaf tsrbildung haben immer zugleich den Drang zu eigenwilliger Verschachtelung una schrullenhaft-verwunderlichem Sonderdasein empfunden (mittelalterliche Architektur und mittelalterliches Volksleben zeigen durchaus parallel gerichtete Grundzüge). Auch von der verschnörkeltsten Spiralwindung ist jederzeit der gemeinsame Ausgangspunkt zurückzugewinnen. Erst als die politischen und industriellen Revolutionen über das Land hinrasen und seine friedvolle Stille mit dem Tumult von Straßenschlachten und schüttelndem Maschinengestampfe füllen, als unter verheißungsvollem Wortgepränge, von dem allerdings bald der bunte Illusionsbehang abfällt, die neue Zeit heraufwächst als das rhetorische Feuerwerk der Aufklärung verprasselt und die große Enttäuschung zurückbleibt, aus der die Romantik das melancholisch-skeptische Fazit zieht, ist auch die Frage nach Schicksal und Möglichkeit künftiger Volksgemeinschaft gestellt, deren vehemente Not mit St Simon und Auguste Gomte die moderne Soziologie herauspreßt als die solcher Zeiüage gemäße Wissenschaft Kein irgendwie in Rekordziffern ausdrückbarer „Fortschritt" ist mehr die wertentscheidende Instanz. Der über eine Zeitepoche und einen Gesellschaf ts- 594