Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 587 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895457-2896424--00694-2896516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Staat und Erziehung die Erfahrung unter unseren Glaubensgenossen lehrt es leider auch nicht anders —, wie recht die zweite Abhandlung dieser Reihe mit ihren Klagen über die Eltern hat Denn wer hindert in der Tat — so muß auch auf jüdischer Seite gefragt werden — die Eltern, ihren Kindern jedweden Religionsunterricht erteilen zu lassen, der ihrem Pflichtbewußtsein entspricht? Freilich wird ihnen zu diesem Zwecke kein Lehrer ,4ns Haus geliefert", den sie nicht gesucht haben. Ebensowenig können sie von ihren verschiedenen Religionsbehörden erwarten, daß sie ihnen von selbst für alle Erfordernisse der Glaubensgemeinschaft Lehrstätten und Erzieherpersönlichkeiten in reichster quantitativer und qualitativer Auswahl zur Verfügung stellen. Denn das, und nicht mehr und nicht weniger, muß verlangt werden, auch da, gerade da, wo nicht die straffe Organisation einer Kirche mit ihren Machtmitteln diese Aufgabe längst gelöst hat, besser gesagt: gelöst zu haben meint Das, und nicht mehr und nicht weniger, muß verlangt werden im Namen des Kindes. Denn es hat Anspruch darauf, im Zeichen der ganzen Freiheit eines starken Gewissens die ersten Schritte zu dieser erhabensten Höhe des Menschenlebens empor geleitet zu werden, dessen Erschließung ja Zweck alles Erziehens ist Nur dem Kinde also gebührt in diesem Zusammenhang ein unbestrittenes Recht, wenigstens ist nur sein Recht in Wahrheit unveräußerlich. Trügen die Eltern ihren Religionsgemeinden dauernd und ernstlich diesen Wunsch nach Teilnahme an ihrer schweren Pflicht vor, so wäre wohl längst die Forderung, die hier aufgestellt ist, in viel weiterem Umfang erfüllt Keine Kirche oder Sekte, keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft würde versäumen, das Fortwirken ihrer heiligsten Überzeugungen unter der Jugend durch Lehranstalten von denkbar größter Vollkommenheit zu sichern. Hier könnte dann wirklich „an Stelle eines öden Erziehungsschemas ein fröhlicher Wettbewerb von Bildungsanstalten entstehen". Aber wie viel fehlt daran I Wie selten ist auch unter den Juden jene für sie doch uralt traditionelle Einrichtung wahrhaft lebendig geblieben, wie sie im räumlichen Zusammenfallen von Bet- und Lehrhaus zum Ausdruck kommt I Doch besteht dieses Beieinander immerhin noch mancher Orten, und es bestehen vor allem die bekannten sprachlichen Zeugen dafür: „Schul'" ist im jüdischen Volksmund das Wort für die Synagoge, und das vom Religionsgesetz gebotene, gelegentlich sogar in den Gottesdienst hineinragende Thora- oder Talmudstudium heißt „Lernen". Gewiß aber verwächst gar manche chrisdiche „Bibelstunde" ebenso eng mit Liturgischem, und, ganz abgesehen von dem unter den Angelsachsen so lebendigen Ge- 587 37