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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 583

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Gestalten der Spätantike
Date
1925-12-01
Page
583 (sequence 6)
Language
German
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Tertullian der Verteilung der kaiserlichen Spenden aufzusetzen, die Ächtung der Heirat mit den Heiden, sind nur die Außenseiten. Aber wer die Gaumenlust für einen Feind der Zucht und für eine Mörderin erklären kann, die am jüngsten Gericht mit Qual und Pein zu bestrafen sei, wer alle harmlosen Vergnügungen, selbst die Freude am Schauspiel ächtet, wer Keuschheit fordert, wer selber die Toga mit dem einfacheren Pallium der Philosophenkleidung vertauscht, wer die Märtyrer als Gesegnete preist, die aus einem schweren Kerker in einen leichteren Gewahrsam kommen, als Krieger des lebendigen Gottes, und das Martyrium selbst als ein hohes Gut, dessen Geist hat über das Fleisch gesiegt, der ist in eineim willensstarken, gegen heftige Begierden ankämpfenden Rigorismus verankert. Wie eine Vereinigung alttestamentarischer Glaubensfreude und altrömischstoischen Trotzes gegenüber den Leiden der Welt erscheint diese granitne Seele, der jedes Kompromiß, jede kraftlose Synthese fern lag. Ihm gilt die absolute Forderung höher als die Rücksicht auf Menschen. Maßlos sind seine Anklagen auch gegen die katholische Kirche: als Geldsüchlige, Schlemmer, Hurer, in Fleischlichkeit verstrickte, als Würste brandmarkt er seine einstigen Genossen. Er trennt sich von der Kirche und schließt sich der montanistischen Sekte an, mit deren strengem, asketischem, enthusiastischem Wesen er harmonierte. — Man pflegt Tertullians Bedeutung für den Gesamtprozeß der europäischen Geistesgeschichte nicht immer richtig einzuschätzen. Es gibt Bücher über den Untergang der griechisch-römischen Antike, die ihn nicht einmal nennen. Und Harnack glaubt, das Christentum habe als hellenistische Religion mindestens bis zum Ausgang des 2. Jahrhunderts hellenisieren helfen, wohin es kam, und auch später noch habe es ein starkes hellenisches Element unverlierbar und fortzeugungskräftig in sich behalten1), wenigstens seit der Mitte des 3. Jahrhunderts sei es eine synkretistische Religion par excellence gewesen und dabei doch exklusiv. In Origenes sei die Vereinigung von Evangelium und Synkretismus perfekt2) Darum habe die griechisch-römische Gesellschaft, wenn sie die Kirche bekämpfte, eigentlich gegen sich selbst gekämpft Zugegeben, daß es Strömungen im Christentum gab, die mit griechischer Philosophie und Wissenschaft sympathisierten, daß die alexandrinische Schule des Clemens und Origenes das Erbe Philons antrat und daß Origenes mit seiner menschenverwandelnden und systemschaffenden Kraft der Höhepunkt dieses Prozesses und als Denker Tertullian weit überlegen ist. Aber wer hat im Abendlande gesiegt, Tertullian, der den Intellekt, oder Origenes, der zwar seine Zeugungskraft, 1i Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums. 2. A. I. 28a. 2) I. 263. 583

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