Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 584 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann: Terlullian nicht aber die Schärfe des Verstandes opferte? Wen hat man aus Alexandria vertrieben, wessen Lehre schon bald nach seinem Tode geächtet? Wußte die Kirche vielleicht nicht, weshalb sie den in Origenes kulminierenden Prozeß abschnitt und weshalb sie den aus ihr freiwillig ausgeschiedenen Tertullian mit den Worten: da mihi magistrum1) wieder aufnahm? Nicht der Synkretismus, nicht Männer von der Struktur des Origenes oder des Dionysios Areopagita haben den weltlichen Sieg des Christentums begründet, sondern Männer vom Gefüge Tertullians, die sich mit vollem Bewußtsein dem in der Spätantike mit wesenhafler Notwendigkeit sich vollziehenden Spaltungsprozeß entzogen. Tertullian ist mehr als ein notwendiges Moment in der Verweltlichung des Christentums, als dieses Moment der Negation des Heidentums, des Gnostizismus, des Marcion, der jüdischen Lehre und jeglicher Ketzerei, mehr als der Ausdruck des antihellenischen und antirömischen Geistes der werdenden Kirche: die Straffheit seines Wollens gegenüber einer hemmungslosen Zeit, die Ablehnung aller Kompromisse, die man so schön Synthesen und Synkretismen nennt, der Kampf der Einfachheit gegenüber der Kompliziertheit, die Kraft der Verneinung und der Kritik, die sich nicht scheut, eine ganze Kultur zu verdammen, die Gewalt des Wortes und des Denkens, die Dogmen formt und formuliert, diese Eigenschaften, haben ihm den Sieg über den größeren Intellekt des Origenes und dauernde Nachwirkungen auf den europäischen Geist verschafft Einer Kultur, die in ihrer Blüte herrlich war, die sich aber zum Schluß im Ausgleich der nationalen Kulturen des Orients und Okzidents verlor, im Zusammenfluß der Götter gestalten, im Wühlen in der Vergangenheit und ihrer symbolistischen Interpretation, die nur im Fluge in den hyperkosmischen Raum noch einen Ruhepunkt für die Seele zu entdecken vemochte — dieser Kultur, die wie alles, was entsteht, wert ist, daß sie zugrunde geht, entstand hier ein Ankläger von einer Geschlossenheit des Willens, von einem Glauben an die Zukunft, von einer Organisationskraft im Irdischen, der schon bald der Sieg zufallen sollte. Mag man über die Götter Griechenlands trauern und über die Welt der Schönheit, die mit ihnen versank, mag man die Bronzestatuen, die Konstantin seiner neuen Hauptstadt opferte, als ewige, unersetzliche Verluste beklagen, mag man die Lehre ablehnen, die Tertullian vertrat, der geschlossenen Kraft dieses Mannes, die Haß und Liebe, Rationales und Irrationales in ihren Dienst zwingt, wird auch der Gegner die Achtimg nicht versagen, auch er wird die Lehre verstehen, die er lebte. x) Cyprian ließ sich die Werke Ter!uIIians lüglich mit diesen Worten geben. 584