Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 582 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann für eine Lehre der Natur. Lehrerin sei die Natur, Schülerin die Seele. Alles, was jene gelehrt und diese gelernt hat, sei von Gott gekommen als dem Lehrmeister der Lehrerin. Das natürliche Wissen ist also ein natürliches Glauben und die scheinbar stoisierenden Ausdrücke verdecken hier den Rückgang vom erkennenden Menschen auf den gläubigen, denn der primitive Mensch ist hier der gläubige, das natürliche Wissen in Wirklichkeit ein natürliches Glauben. Und nicht einmal ein natürliches, sondern ein historisch bedingtes. Die lapidaren Worte „Anima naturaliter christiana" dekretieren die Einheit von Primitivität und Christentum. An dieser Stelle liegt ein Sprang vor, ein Willensenischeid, ein Opfer von grundsätzlicher Bedeutung, das sacrificium intellectus. Der an sich komplizierte Glaube an Kreuzigung, Tod und Auferstehung des Gottessohnes tritt mit dem Anspruch absoluter Geltung auf: certum est, quia impossibile est.1) Dieser grandiose Satz offenbart die positive Gegenseite seiner Kritik, den absoluten, starren, auf einem Willensentscheid beruhenden Glauben, der alle Einwendungen des Verstandes von vorneherein als eine ungesetzliche Prozeßeinrede abschneidet, diesen handfesten, unsymbolischen, sinnlichen, kompakten, Gott und Seele sich materiell vorstellenden Glauben, der von sich sagt: „Wenn wir glauben, begehren wir nichts außer dem Glauben. Denn das ist das erste, was wir glauben, es gebe nichts mehr, was wir über den Glauben noch nötig haben."2) Alles Suchen, alle Unendlichkeit der Reflexion schließt er schlechtweg ab, er bedeutet das Ende des Denkens, selbst wenn er hier rational juristisch unterbaut wird. Die Wahrheit ist jetzt ein Glaubensinhalt geworden, den die Christen besitzen: sie wandeln in der Glaubensregel, die die Kirchen von den Aposteln, die Apostel von Christus, Christus von Gott empfangen hat — Also ist überhaupt keine Einrede der Gegner zuzulassen. Dieses Opfer des Verstandes war der Preis, den das Christentum für seinen Sieg zahlte, ein Opfer, das der Menschheit teuerer werden sollte als der Untergang der klassischen Kultur, aber man erreichte durch den Primat des Glaubens den Aufbau einer neuen, in sich rational aufgebauten und geschlossenen Welt, deren Fundamente Tertullian legte. Jedoch die tiefe Wirkung dieses Mannes wäre nicht zu verstehen, wenn er nicht die religiöse Forderung in einem absoluten ethischen Gebote verwirklicht hätte. Was zunächst in die Augen fällt: die Sittenfremdheit, die er vom Chiisten fordert, das Verbot für einen christlichen Soldaten, einen Kranz bei *■) De Carne Chr. 5. :,Es ist sicher, weil es unmöglich ist." 2) De praescr. 7. 582