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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 581

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Gestalten der Spätantike
Date
1925-12-01
Page
581 (sequence 4)
Language
German
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Tertullian schein ungen sind, bei Tertullian werden wir jenen vierten Fall annehmen dürfen. Denn wenn er die Einheit der Seele gegen ihre Zerspaltung in eine Anzahl von Teilen, gegen ihre Auseinanderreißung in Sinnlichkeit und Verstand, in Geist und Seele verteidigt, wenn er ihre Scheidung vom Körperlichen als etwas Unkörperliches bekämpft, oder wenn es heißt, die Seele war vor der Schrift, die Sprache vor dem Buche, der Gedanke vor dem Griffel, der Mensch an sich vor dem Philosophen und Dichter, so spricht das ein Geist, der über die Zerspaltenheit der Kultur wieder zurückdrängt zum einfachen, unverbildeten Menschentum, der den in der heidnischen Kulturwelt sich vollziehenden Auflösungs- und Spaltungsprozeß bewußt ablehnt Aber sein Kulturhaß ist nicht der eines primitiven Menschen, so instinktgeladen er auch ist, sondern eines solchen, der einfache primitive Wesen braucht, um sie in seiner Hand kneten zu können und der sich selbst zu einem primitiven Wesen zurückschraubt Das ist das Große an ihm, daß der Haß gegen das Heidentum und die Anrufung des primitiven Menschen von einer universellen Liebe getragen ist: „Bei allen Völkern ist der Mensch ein und derselbe, der Name aber verschieden; die Seele eine, ihr Ausdruck aber mannigfaltig; jedes Volk hat eine besondere Sprache, aber die Gegenstände der Sprache sind gemeinschaftlich."x) Aus Güte und Billigkeit habe Gott allen Völkern dasselbe Gesetz gegeben, welches die Erzväter kannten, bevor das mosaische Gesetz erlassen wurde.2) Tertullian haßt die Kultur, aber besudelt nicht Gottes Schöpfung und Geschöpfe: er liebt den Menschen und den Kosmos. Sein Gott, das unendliche, freie, körperliche Wesen, kann freilich zürnen, aber der Grundzug seines Wesens ist die Güte. Aus Güte schafft er und darum vernünftig, und zwar mit Hilfe seines Wortes, des Logos. Auch diese Welt, als Offenbarung Gottes für den Menschen und nicht für Gott aus dem Nichts erschaffen, ist gut, obwohl geringer als Gott, obwohl von Gegensätzen durchwaltet, die in eine Harmonie zusammenklingen. So ist auch das Kind Gottes, die ewig bewegte, körperhafte Seele, gut und vernünftig, selbst in der verworfensten ist ein Funken der Vernunft und des Guten und so kann sie allerdings aufgerufen werden zum Zeugnis für ihrem Schöpfer. Was aber soll sie bezeugen? Gott als den einzigen, als den gütigen und liebenden und zürnenden, die natürliche Furcht der Seele vor Gott, den Glauben an Dämonen, an das Fortleben nach dem Tode und die Auferstehung. Diese Grundlagen christlichen Glaubens hält er für ein angeborenes Wissen, x) De test. an. c. 6. 2) Adv. Jud. c. 2. 581

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