Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 580 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann kannler als alle Büchergelehrsamkeit, lebensvoller als alle Theorie, verbreiteter als jede Veröffentlichung, größer als der ganze Mensch, nämlich alles, was der Mensch ist: so tritt denn herzu, o Seele." „Aber nicht Dich rufe ich auf, die Du in Schulen gebildet, in Bibliotheken bewandert, in Akademien und attischen Säulenhallen geistig gespeist, Weisheit von Dir gibst. Dich rufe ich an, die Du einfach und unverfeinert, ungebildet und unwissend bist, wie Leute, die Dich allein haben und weiter nichts, die Seele, ganz wie sie von der Gasse, von den Straßenecken, aus der Werkstätte kommt Gerade Deines Mangels an Erfahrung bedarf ich, da Deiner Erfahrung, so gering sie auch ist, niemand glaubt."x) Wer verstünde nicht diesen bewußten, kraftvollen, nicht rousseauistisch gefühlsmäßig verwässerten Rückgang auf das Primitive, auf das Einfache, Natürliche, das in den unverbildeten Schichten gesucht und gefunden wird? Welcher Art aber ist diese Primitivität? Es gibt eine ungebrochene, eine solche, die nichts von sich weiß, die unbewußt lebt wie eine Pflanze, wie bei unberührten Naturvölkern, und eine andere, die durch den Gegensatz zur Kultur ihrer bewußt geworden ihre Unschuld verloren hat, und eine dritte, die innerhalb einer Hochkultur als Gesundheit des natürlichen Empfindens und Instinktes aus niederen Schichten sich gegen die Zivilisation der Höheren aufbäumt, und endlich eine vierte, die ein Zersetzungsprodukt der oberen Schichten darstellt und in Wirklichkeit gar nicht primitiv ist, sondern es nur sein will. Wir können hier weder das allgemeine Problem des Primitiven auf 1 ollen, noch das spezielle, auch heute aktuelle: was bedeutet das Auftauchen des Primitiven in übersättigten Kulturen? noch endlich das rein historische: welche Art von Primitivität brachte das Christentum der antiken Welt? Dazu mangelt hier der Raum. Aber man sei sich bewußt, wie klärungsbedürftig diese Fragen sind, wenn man heute so heterogene Dinge wie die psychische Struktur von Geisteskranken (Schizophrenen) mit der der Primitiven glaubt identifizieren zu können, weil ihre Zeichnungen Ähnlichkeit haben. Es genügt, den universellen Zusammenhang aufgezeigt zu haben, in dem dies Problem steht. Im spätantiken Kulturkreis, in einer hochentwickelten Kultur, erscheinen auf einmal primitive Elemente, die Kunst bezeugt es, insbesondere die Reliefs, die mehr und mehr ihre Körperlichkeit verlieren und teilweise nur noch wie Ritzversuche steinzeitlicher Menschen aussehen.2) So kompliziert diese Erx) Vom Zeugnis der Seele, i. Auch deutsch in der Bibl. der Kirchenväter, Bd. II, München i g 15. 2) Vergl. Esperanclieu, Recueil gcneral des Bas-Reliefs de la Gaule Romaine. Paris 1908 ff. 580