Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 579 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann: TertulHan diese Erde gewandelt sind. Als ersterx) im griechisch-römischen Kulturkreis an seiner Peripherie emporwachsend (er war zuerst Heide, in Karthago geboren und jahrelang Rechtsbeistand in Rom), wird er schicksalhaft zum Kritiker dieser Kultur. „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet," war die sanfte Mahnung des Nazareners. War jener die verkörperte Liebe, so er der fleischgewordene Haß. Geradezu fanatisch, maßlos ist sein Haß gegen die fremden Kulte, eine natürliche Reaktion der Verfolgten und Verachteten, der von der ganzen Welt Enterbten. Aber es wäre falsch, hier nur Ressentiment zu sehen. Mit mächtiger Faust schleudert er die Anklage des Mordes, der Blutschande, der Hurerei auf seine Feinde.. Das Heidentum ist ihm Götzendienst, Grundsünde des Menschengeschlechts, Inbegriff all seiner Verschuldungen, ausschließlicher Gegenstand des Weltgerichts. Bilderverehrung wie Mord, Hurerei, Ehebruch kann nicht einmal die Kirche vergeben, mit Ausschluß muß sie sie bestrafen. — Diesem Haß fällt auch der blühende Reichtum und die unsterbliche Schönheit der antiken Kunst zum Opfer. Es ist ein psychologisches Rätsel, wie ein Mensch, der die antiken Tempel und gewaltigen Bauten Roms, das ewige Pantheon, das Grabmal Hadrians, die vollendeten Bronzen und Statuen griechischer Kunst, die glänzenden Porträtbüsten der Römer sah, — wie er aussprechen kann: der Teufel sei der Urheber der Kunst, er habe Maler und Bildhauer, die Plotin von göttlichem Geist beseelt sein läßt, in die Welt gesetzt, er, der Fabrikant der Purpurfarbe, der verfluchte interpolator naturae. Aber dieser blinde, unverständige Haß hat doch eine Größe, ist doch von einer Leidenschaft getragen: abgehauen werden sollen die.Hände von Christen, die in einer heidnischen Werkstatt arbeiten. — Und dieses Anathema trifft auch die Philosophie, die zweite Blüte der griechischen Kultur, denn sie sei eine Quelle der Ketzereien. Scharf baut er seine Antithesen: „Philosoph und Christ, Schüler Griechenlands und Schüler des Himmels, Ruhmbegieriger und nach dem wahren Leben Trachtender, Wortemacher und Tatenvollbringer, Zerstörer und Erbauer, Freund und Feind des Irrtums, Verderber und Verkörperer der Wahrheit, Dieb und Wächter — was sollten sie miteinander zu tun haben?" Damit kracht das Gebäude, das der autonome menschliche Verstand errichtet hat „Wir wollen nichts mehr mit den Büchern zu tun haben," schallt es jetzt durch die morschgewordene, geistig übersättigte, alternde Welt „Ich rufe ein ganz anderes Zeugnis auf, oder besser ich rufe ein Zeugnis an, be- *) Wenn wir von den unbedeutenderen Tatian, Hermias und Pseudo-Justins Mahnrede an die Griechen absehen. 579