Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Gestalten der Spätantike
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 578 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gestalten der Spätantike Von Fritz Hememann HI. Tertullian Weshalb ging die griechisch-römische Kultur zugrunde? So lautet seit den Tagen Montesquieus das ungelöste Rätsel. Und wir fragen weiter: Weshalb erhielt sich das Judentum? Ist es etwa ein Zufall, daß es in den Jahrhunderten nach Philon griechische Sprache und Kultur und alle Kompromisse verleugnend, jenen Spaltungsprozeß beendet und sich bewußt in den Kreis 6einer Tradition und seiner Gesetze einkapselt? Hat es sich nicht vielleicht gerade dadurch erhalten? Und ging nicht die griechisch-römische Antike mit daran zugrunde, daß sie in synkretistischem Gemenge Kulturen und Götter miteinander mischte, Gestalt und Mark auflöste und jenen von Jahrhundert zu Jahrhundert sich steigernden Prozeß nicht zu überwinden vermochte? Aber warum unterlag sie dem Christentum seit der Zeit Konstantins? Dieses erstaunlichste aller Phänomene der europäischen Geistesgeschichte würden wir nicht besser verstehen, wenn wir, was möglich wäre, im christlichen Kulturkreis ähnliche Erscheinungen aufwiesen wie in den beiden anderen, oder wenn wir etwa die Gestalten von Jesus, Johannes, Paulus oder Clemens, Origenes, Gregorios, Augustin heraufbeschwörten; aber einer wird uns dies Geheimnis, teilweise wenigstens, entschleiern: Tertullian (ca. i5o—2 2 5). Denn er ist nicht einer von vielen, er, der Schöpfer der lateinischen Kirchensprache, der Begründer des abendländischen Katholizismus vor Augustin, er repräsentiert ein notwendiges Stadium in dem Weltmachtwerden des Christentums und ist überdies einer der stärksten Menschen, die je über 578