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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 576

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Reine Sprache - Reine Rasse
Date
1925-12-01
Page
576 (sequence 3)
Language
German
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Karl Vossler Max Wundt scheint der Ansicht zu leben, daß diese letzteren sehr wohl einige Vergewaltigung aushalten oder gar verlangen und treibt mit dem Worte „Blut", welches allerdings urgermanisch ist, einen heillosen Unfug. „So ist", sagt er auf Seite 17, „die Sprache also wirklich die Stimme des Blutes, in ihrem Klang und Zeitmaß durch das Blut bestimmt. Die Blutsgemeinschaft erzeugt die Sprachgemeinschaft." Dabei beruft er sich auf neue und neueste Forschungen und Entdeckungen, denen zu Folge „die regelmäßigen zeitlichen Vorgänge des Körpers, also besonders das Schlagen der Pulse und der Umlauf des Blutes die größte Rolle" bei sprachlichen und musikalischen Tätigkeiten spielen sollen. Er denkt, so viel ich sehe, an Arbeiten von Eduard Sievers, Joseph, Ottmar und Klara Rutz und Gustav Becking, über die man sich bei Ed. Sievers „Ziele und Wege der Schallanalyse" in der Festschrift für Wilhelm Streiberg, „Stand und Aufgaben der Sprachwissenschaft" (Heidelberg 1924, Seite 65—111) unterrichten kann. Von Blut ist aber dort schlechterdings nirgends die Rede, und, wie man immer über die Untersuchungen dieser Gelehrten und Künstler denken mag, sie treiben eine unblutige Wissenschaft und Fertigkeit und halten sich durchaus an leiblichseelische Bewegungsvorgänge der menschlichen Sprachwerkzeuge, zu denen sie außer der Zunge, dem Mund, dem Kehlkopf und Brustkorb auch den ganzen übrigen Muskelapparat unseres Körpers rechnen, so weit er wülkürlich beweglich ist. In der Ausdehnung ihres Beobachtungsfeldes auf Rumpf und Gliedmaßen liegt, zum großen Teil, das Neue, Überraschende und zugleich Problematische ihres Vorhabens. Von den unwillkürlichen Pumpbewegungen unseres Herzens oder gar von der umlaufenden Flüssigkeit, welche Blut heißt, sehen sie wohlweislich ab. Sie behaupten nur, daß Stimme und Schall, Melodie und Takt, Rhythmus und Stil, Freiheit und Gebundenheit unseres Sprechens und Singens mit einem teils erworbenen, teils ererbten Habitus unserer sonstigen Bewegungen in Zusammenhang stehen. Zu der Wundtschen Behauptung, daß die Gemeinschaft der Sprache in der des Blutes „begründet" sei, ja sogar durch sie „erzeugt" werde, bieten sie, trotz ihrer naturalistischen Einstellung, nicht die geringste Handhabe. Aus eigenen Mitteln aber hat Wundt keinerlei Beweis dafür aufgebracht. Wissenschaftlich schwebt seine Lehre völlig in der Luft Will man trotzdem einen Stützpunkt für sie gewinnen, so muß man tief hinabsteigen bis zum Brunstschrei der Tiere, zum Rohren des Hirsches, zum Lockruf der Vögel, zum Wiehern der Pferde und Miaulen der Katzen. Dort kann man vielleicht — aber ich übernehme 576

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