Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Reine Sprache - Reine Rasse
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 575 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Karl Vossler: Reine Sprache — Reine Rasse fremde Sprache." (Hugo Schuchardt-Brevier, Halle 1922, Seite 32 5.) Die geschichtliche Sprachforschung versucht zwar, das Lehngut und Fremdwort von dem ererbten und „erlebten" Wortbestand einer Nationalsprache zu unterscheiden und gewinnt dabei mancherlei Einblick in den Tauschverkehr der Völker. Sie vermag aber nie und nirgends ihre Scheidewand zwischen den eingeborenen und den zugewanderten Sprachgebilden stichfest zu machen. Was sich der Lautgestalt zufolge als Erbgut erweist und unser Ohr wie Stimme der Urväter anspricht, kann seiner Prägung, seinem Formgesetze nach fremd sein. So das deutscheste Wort „deutsch". Es ist, wie man bei Friedrich Kluge liest, „keine volkstümliche Benennung, sondern eine kirchenpolitische Schöpfung, die sich deswegen zunächst auch nur in lateinischer Gestalt findet: theodisce." Und umgekehrt kann, was uns fremd und stillos klingt und lautet und unser Ohr vielleicht beleidigt, sehr tief im „Blutsbewußtsein" sitzen, wenn schon einmal unser deutsches Sprachgefühl diesen derben Namen tragen soll. Ich wüßte z. B. kaum ein Wort, dessen bedeutungsvoller Gebrauch nachgerade so kerndeutsch wäre, wie das Fremdwort „kolossal". Es kann sich, was die völkische Echtheit der Gesinnung betrifft, getrost neben die deutsche „Gemütlichkeit" oder „Sehnsucht" oder „Treue" stellen. Es hat auch seinem Sinne, seiner inneren Sprachform nach die echtblütigsten Vorfahren, als da sind michel, rieh, kuene, degenlich, ungebaere, ungevuoge usw. Dazu kommen die Götter, die Riesen, die Unholde und Ungeheuer der altgermanischen Sagenwelt, die in der deutschen Meinung, im deutschen Glauben, Ahnen, Träumen und Sehnen alle schon „kolossal" waren, wer weiß wie viele Jahrhunderte bevor vielleicht irgendein „gesinnungsloser Jude" das üble Wort bei uns eingeschmuggelt hat — Fremd im seelischen Sinne, Fremdwort seiner Bedeutung nach ist weiterhin jeder Terminus technicus, mag er seiner Herkunft nach noch so echtbürtig sein. Wer hat nicht schon erfahren, wie die natürliche Unbefangenheit, mit der er als Laie von „Besitz und Eigentum" oder von „Mord und Totschlag" redete, ihm gebrochen wurde, als er mit Anwälten, Richtern und Rechtsgelehrten darüber sprach? Diese heimischen Worte nahmen dann plötzlich ein scharfes und ausländisches Wesen an, etwa wie „fraus" und „dolus". Fremdwörter sind also keine toten Körper, sondern, sofern nur unser Sprechen lebendig bleibt, lebendiges Geistesgut Man tut gut, sie wie alles Lebendige so schonend und enthaltsam wie möglich zu gebrauchen. — Sollte man darum weniger schonend, weniger enthaltsam und bedächtig etwa mit den Erbwörtern verfahren? 575