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Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 577

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Reine Sprache - Reine Rasse
Date
1925-12-01
Page
577 (sequence 4)
Language
German
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Reine Sprache — Reine Rasse keine Gewähr — die gemeinschaftstiftende Stimme hören, die das „Blut" oder — seien wir ehrlich — der Geschlechtstrieb hervorstößt. Und sogar in diesen tierischen Niederungen noch bleibt es fraglich, ob es der Trieb des Blutes ist, der jene Stimmen und Schreie erzeugt, oder nicht diese vielmehr ihn wecken und stacheln. — Aber neben den Bufen der Brunst verfügen die höheren Tiere über Schreie und Laute des Hungers, des Schmerzes, der Angst, die mit Fortpflanzung und Blut nichts Wesentliches und nichts Unmittelbares mehr zu schaffen haben. Diese wären, wie man scherzend als Fortsetzer einer rassigen Sprachphilosophie etwa sagen könnte, die Fremdwörter der Tiere, wenn nämlich .der Brunstschrei als ihr echtblütiges Erbwort gelten soll. Hunger, Schmerz und Angst und allerlei Not können zwischen den sterblichen Lebewesen dieser Erde hin und wieder auch eine gewisse Gemeinschaft und sogar eine höhere als die der Begattung und Gattung, eine Gemeinschaft der Gesinnung, der Liebe, der gegenseitigen Hilfe und Duldung und schließlich der Sprache stiften. Ob unserer deutschen Muttersprache eine sonderliche Ehre geschieht, wenn der Quell ihrer Beinheit und Kraft gerade nur in den geschlechtlichen Wallungen und Trieben des gei manischen Blutes vermutet und gesucht wird, sollte der völkische Philosoph in Jena sich doch einmal überlegen. Aber sein ganzer Gedankengang geht auf antisemitische Propaganda, nicht auf Erkenntnis und Wahrheit. Es ist daher verlorene Mühe, wenn man ihn wissenschaftlich ernst nimmt und widerlegen will. Es mag genügen, seine Äußerungen als Blüten einer communis opinio gewisser Kreise zum Strauße zu binden und besonders das Folgende noch hervorzuheben: „Schlimmer (als das Fremdwort) ist eine andere Gefährdung unserer Sprachgemeinschaft, der Gebrauch unserer Sprache in dem Munde Blutsfremder. Wir reden gern vom Zeitungsdeutsch, ich möchte lieber vom Judendeutsch reden, denn es ist der Gebrauch unserer Sprache in dem Munde derer, die aus dem Bewußtsein ihres Blutes heraus kein Verständnis für ihren Klang und ihr Maß besitzen. Daß der Jude ein völlig anderes Sprachgefühl besitzt, als wir, ist selbstverständlich." Selbstverständlich nennt man, was man zu beweisen nicht nötig hat oder unfähig ist. Mir summt, wenn ich Max Wundt lese, ein urdeutsches Volkslied im Kopf, das aus dem Sprachgefühl eines Düsseldorfer Juden stammt: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin. 577

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